Wir glauben, was wir messen und wägen. Was wir berechnen und konstruieren. Was rational begründet und somit «erwiesen» ist. Bei alledem sehnen sich aber viele Leute nach anderen Zugängen zur Realität; sie suchen die Erfahrung jenseits des Ich, im Transzendenten, Unfassbaren. Letztlich – im Göttlichen. Viele hüten sich aber in dieser vernunftbetonten Welt, über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem «Anderen» zu berichten, um nicht schräg angeschaut zu werden.
Davon liess sich die Theologin Barbara Zanetti, zusätzlich ausgebildet in spiritueller Arbeit, nicht abhalten. Auslöser für ihre Spurensuche war ein spontanes Gespräch mit einem Bergbauern, den sie bei einem Spaziergang am Niesen traf. Er hatte gerade den Alpsommer hinter sich, an einem abgelegenen Ort, nur er und die Alphelferin. «Er strahlte eine Tiefe und Ruhe aus, die ich sonst nur von Menschen kenne, die meditieren», berichtet Zanetti.
Aus dieser Begegnung heraus reifte in ihr die Idee, nach den Zugängen zu forschen, «die zum All-eins-Sein und zur Quelle in unserem Herzen führen». Sie machte sich ans Werk und führte Gespräche mit Männern und Frauen, die auch bereit waren, von ihren Erfahrungen mit dem Unfassbaren zu berichten. Daraus entstand die Schrift «Aus dem Herzen gesprochen, Erfahrungen und Besinnungen» mit einer Einleitung und 18 anonymisierten Berichten. Geplant ist eine Herausgabe in Buchform.
Die Palette des Erzählten ist breit. Eine Frau berichtet von ihrer spirituellen Begleiterin, die ihr im Geist begegnete und ihr Kraft spendete, als sie im Koma lag. Ein Musiker erinnert sich an ein Konzert, an dem er einen geradezu magischen Spielfluss erlebte. Und ein Landschaftsgärtner nahm nach dem Zurückschneiden eines Rosmarinstrauches das Schmollen von Gnomen wahr, denen er unwissentlich den Schutz ihres Nests genommen hatte.
33 Zustände
«Ich beschäftige mich seit meiner Gymnasialzeit mit Spiritualität, deshalb war mir das, was die Leute erzählten, keinesfalls fremd», sagt Barbara Zanetti. «Durch die Gespräche bekam es aber für die Erzählenden einen neuen Raum; es tat ihnen gut, auch einmal ausserhalb ihres engsten Familienkreises von ihren spirituellen Wahrnehmungen berichten zu können.»
Der Theologin geht es mit ihrer Textsammlung darum, die Vielfalt von Bewusstseinszuständen zu zeigen. «Die meisten von uns wissen nur um das alltägliche Wachsein, den Schlaf, den Traum, die Trance und die Hypnose», sagt sie. Die Weisheitstraditionen der Welt berichten aber von 33 Bewusstseinszuständen. «Ich will dazu motivieren, sich mit solchen Erfahrungen auseinanderzusetzen, diese zuzulassen und davon zu berichten.» Denn der Mensch lebe nicht von der Vernunft allein, sondern von der ganzen Wirklichkeit, die auch das Irrationale umfasse.
Spirituelle Ostkirche
Wer Erfahrungen macht, die über das Ich hinausweisen, dringt in den Bereich der Mystik vor – und damit auch in das religiöse Erleben. Leider habe sich die Westkirche seit der Trennung von der Ostkirche im Jahr 1054 immer mehr in Richtung Rationalität entwickelt, sagt Barbara Zanetti. Die Ostkirche hingegen sei für Mystik und Ritual bis heute offen geblieben. Denn Jesus Christus lasse sich auch als Tor in andere Bewusstseinsräume verstehen.
Jesus bezeichnet sich in der Bibel selbst als Tür: «Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und eine Weide finden» (Joh 10,9). Diese Tür, so Zanetti, sei ein Zugang zum Leben und «führt uns zurück zum göttlichen Geheimnis, zur Quelle in uns, die immer sprudelt und fliesst».
