Die Kirchgemeinde stimmt zögerlich ein Lied von 1888 an: «Stern, auf den ich schaue. Fels, auf dem ich steh.» Der Stern funkelt. Erleuchtet von der Abendsonne, die durch die gläserne Gebäudehülle des Autohauses Schmid in Unterentfelden strahlt. Er prangt auf dem Kühlergrill einer schwarz lackierten Nobelkarosse. Mitten im Ausstellungsraum, zwischen viel Stahl und poliertem Lack, steht ein schlichtes Holzkreuz. Eine Kathedrale für ein «heiligs Blechle» aus dem Schwabenland.
Beten zwischen Mercedessternen
Auch im Autohaus kann man beten, singen und predigen. Die «Fiirobe-Fiir» sucht den Glauben dort, wo ihn kaum jemand
vermuten würde – etwa zwischen Lack, Leder und Kühlergrill.
«Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?»: Tabea Legler sang die Vorlage für die Predigt von Andreas Wahlen. (Bild Gerry Nitsch)

Volle Stühle zwischen Autos
Zur «Fiirobe-Fiir» am Freitagabend hat Pfarrer Andreas Wahlen seine Gemeinde aus Ober- und Unterentfelden geladen. Niederschwellig soll es sein. Offen auch für jene, die mit traditioneller Liturgie und Orgelmusik fremdeln. Viermal pro Jahr findet die Fiirobe-Fiir statt, dort, wo Menschen leben und arbeiten. So traf man sich etwa in einer Weinhandlung, auf einem Bauernhof und bei einer Entsorgungsstelle. An diesem Abend kommen rund 100 Menschen ins Autohaus. Nicht schlecht in Zeiten sich leerender Kirchenbänke.
Dann erklingt Janis Joplins Hymne der Konsumkritik. Gefühlvoll, rau und verletzlich singt Tabea Legler: «Oh, Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?» Sie trifft den Ton der früh verstorbenen Bluessängerin und liefert zugleich die Vorlage für die Predigt. In seiner Ansprache greift Wahlen den «guten Stern auf allen Strassen» auf, mit dem das Mercedes-Unternehmen jahrzehntelang warb. Zu ihm gesellt er den Morgenstern, der in der Offenbarung als Symbol für Jesus steht. Ein Pingpong von Überschneidungen und Gegensätzlichkeiten.
Der Motor der Liebe
Natürlich fehlt der geschweifte Komet, der die Drei Könige aus dem Morgenland zur Krippe in Bethlehem führt, in Wahlens Aufzählung nicht. Ähnliches vollbringt der Mercedes-Stern: «Er gibt den Menschen die Richtung vor», so Wahlen. Er verspreche «Sicherheit und Vertrauen».
Vor der Predigt hatte Gastgeber Silvano Mastropierro, Geschäftsführer des Autohauses, von seinen Fahrten zur Familie nach Süditalien erzählt: «Für mich ist es grossartig, wenn ich nach mehr als 1000 Kilometern sicher, unfallfrei und ohne Kopfschmerzen aussteige.» Bei aller Mercedes-Sympathie markiert Wahlen in seiner Doppelstern-Predigt einen entscheidenden Unterschied: «Jesu Liebe kennt keinen Kilometerstand.» Sein Motor bleibt nie stehen.
Jesus würde eher eine Ambulanz steuern
Würde der Wanderprediger, der vor mehr als 2000 Jahren in Sandalen die staubigen Pfade Galiläas durchquerte und später in Jerusalem auf einem Eselein statt auf einem majestätischen Pferd einzog, heute einen Mercedes fahren? Diese «absurde, vielleicht unverschämte Frage» stellt der Pfarrer seiner Gemeinde. Hände schiessen in die Höhe. Eine knappe Mehrheit findet: nein.
Wie hat sich Sami Baumann entschieden? Eigentlich wäre der Entscheid des Automechanikers ziemlich naheliegend: für den Mercedes fahrenden Jesus. Seit 14 Jahren arbeitet er im Autohaus Schmid. Als bekennender Christ steckt er für seinen Glauben zuweilen Spott von Kollegen ein. Die Vorstellung von Jesus in der Edelkarosse irritiert ihn aber zunächst. Beim gemeinsamen Verspeisen von Bratwurst und Kartoffelsalat sagt er nach dem Gottesdienst: «Mir gefällt die Lösung des Pfarrers.» Wahlens Vision: Der in die Gegenwart versetzte Jesus wäre in einem Krankenwagen unterwegs. Der Mercedes, der sich zum «Werkzeug der Liebe» verwandelt – dieser gefällt auch Baumann.
Mission auf vier Rädern
Baumann, der drei gut gepflegte Autos besitzt und zuweilen haderte, ob seine Leidenschaft für sie seinem Glauben zu Gott nicht im Weg steht, hat einen Weg gefunden, beides zu verbinden. Da ist zu einem sein «Missionsauto», ein roter Ford, blank poliert und voll geklebt mit christlichen Botschaften. Zudem rief er vor einem Jahr die Initiative «Christ & Cars» ins Leben. Gespräche über Autos sollen Türöffner sein, um über Gott zu sprechen. Schon nach kurzer Zeit hätten die Anlässe guten Zulauf, sagt er.
Seit Jahren schon fährt auch Pfarrer Wahlen mit seinen unkonventionellen und niederschwelligen Angeboten wie den Fiirobe-Fiire oder «11 vor 11»-Gottesdiensten auf der Erfolgsspur. So gelingt es ihm wie an diesem Abend, seine Botschaft einer zahlreichen Besucherschar nahezubringen. Die Quintessenz seiner mit Auto-Metaphern gespickten Predigt: «Jesus selbst möchte in unserem Leben am Steuer sein.»