Mit dem eigenen Erbe die Welt retten

Vermögen

Dank einer Erbschaft ist Albin Meyer reich. In seinem Buch will er andere Vermögende davon überzeugen, ihr Geld für das Gute einzusetzen. 

In der Zürcher Bahnhofstrasse sieht man das Geld: Männer tragen massgeschneiderte Anzüge und teure Uhren, dicke Autos sind unterwegs. 

Die Millionärsdichte ist hoch. In unmittelbarer Nähe sitzt einer dieser Millionäre auf einer Parkbank unter den Bäumen auf dem Lindenhof. Albin Meyer ist mit dem Velo gekommen, nichts an seinem Äusseren verrät seinen Reichtum. 

Reich geworden ist er durch eine Erbschaft. Gemäss «Global Wealth Report» der UBS gehört Meyer zum reichsten Prozent der ganzen Welt, weil er ein Vermögen von mindestens einer Million Dollar besitzt. Albin Meyers Liegenschaft in der Zürcher Altstadt ist mehrere Millionen Franken wert. «Ich bin also definitiv reich», sagt der 56-Jährige. 

Einfach nur Glück 

Dieser Reichtum verursacht bei Albin Meyer ein gewisses Unbehagen. «Ich habe nichts dafür geleistet.» Er habe nur das Glück, in eine Familie geboren zu sein, in der besagtes Altstadthaus an die fünfte Generation vererbt wurde. Es wirft so viel Ertrag ab, dass Meyer eigentlich nicht mehr arbeiten müsste. 

Als der Vater zweier erwachsener Kinder das realisierte, kam zum Unbehagen eine grosse Frage hinzu: Welche Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat er? Meyer entschied sich, mit einem Schweizer Tabu zu brechen und über Geld zu reden. Über sein Geld und das Vermögen von anderen Millionären. «Wie das reichste Prozent die Welt retten kann», heisst sein Buch, das kürzlich erschienen ist. 

Das Buch soll neugierig machen und andere reiche Menschen animieren zu handeln.
Albin Meyer

Der Anspruch, die Welt zu retten, sei plakativ, räumt Meyer ein. «Aber das Buch soll neugierig machen und andere reiche Menschen animieren zu handeln.» Der Autor, der sonst Software entwickelt, hat kein Patentrezept, wie mit Geld verantwortungsvoll umzugehen sei. Er zeigt auf, für welchen Weg er sich als Mitglied von «Tax me now» entschieden hat. Der Verein fordert höhere Steuern für Reiche. 

Meyer ist überzeugt, dass eine gewisse Umverteilung von Geld und Macht zu einer gerechteren Welt beiträgt. 

Das sei doch eine naive Idee. «Du Träumer!» Oder: «Du kannst gerne mehr Steuern zahlen, aber lass uns damit in Ruhe.» Solche Reaktionen hat Albin Meyer von anderen Millionären schon gehört. Seine Entgegnung: «Wenn in einer Gruppe alle Wein trinken, ist es schwierig, als Einziger zu verzichten.» Es sei einfacher, wenn viele verzichten. 

Es gibt gute Reiche und gute Arme. Ich glaube an das Gute im Menschen.
Albin Meyer

Albin Meyer geht es nicht darum, reiche Personen pauschal als gierig oder egoistisch abzustempeln. «Viele von ihnen spenden grosszügig, unterstützen Projekte, denken an die Allgemeinheit.» Aber sie seien sich nicht bewusst, welche Macht mit ihrem Vermögen einhergehe. 

Reiche könnten politische Prozesse beeinflussen, wie in der Schweiz das Beispiel von Christoph Blocher zeige. «Wer reich ist, hat aber auch die Mittel, die Welt zu verbessern.» Am dringendsten sei das bei der Lösung der Klimakrise. 

Meyer will dazu beitragen, «dass die Ungleichheit auf der Welt nicht grösser wird, sondern kleiner». Ist er also einfach ein guter Millionär? Er lacht und antwortet: «Es gibt gute Reiche und gute Arme.» Er glaube an das Gute im Menschen. 

Wahrer Reichtum ist nicht käuflich

Nach seiner Erbschaft blieb Meyer mit der Familie in einer Mietwohnung, er hat kein Auto, verreist vor allem mit dem Zug. Einzig ein hochwertiges Rennvelo hat er sich geleistet. Und er kann sich erlauben, nur noch für Start-ups zu arbeiten, deren Ideen er unterstützt. Zurzeit in einem Unternehmen, das ein Programm entwickelt, mit dem Hauseigentümer energetische Sanierungen einer Liegenschaft planen können. 

Reich fühlt sich Meyer unabhängig vom Geld: «Ich bin gesund, liebe meine Familie, und wir leben in der Schweiz im Frieden, unsere Demokratie funktioniert.» Nichts davon könne man kaufen.