TV-Doku zur Sittenpolizei im Namen des christlichen Glaubens

Fernsehen

Ein neuer Dokumentar-Zweiteiler des französischen Filmemachers Stan Neumann beleuchtet die Geschichte der Inquisition.

Der Begriff Inquisition geht auf das lateinische Wort «inquisitio» zurück und bedeutet ganz harmlos «Untersuchung» oder «Nachforschung». In das kollektive Gedächtnis unserer christlich geprägten Gesellschaften hat sich die Inquisition allerdings als etwas viel Monströseres eingebrannt:  Sie war über Jahrhunderte eine Institution der katholischen Kirche, um als Häretiker oder Ketzer bezeichnete Kirchen-Kritiker und der Hexerei bezichtigte Menschen zu verfolgen. 

Dabei verbanden sich auch weltliche und kirchliche Macht im Streben um Kontrolle über ihre Untertanen miteinander. Ein neuer Dokumentar-Zweiteiler auf dem Kultursender Arte beleuchtet unter anderem genau solche struktur- und sozialgeschichtlichen Merkmale und Verflechtungen, um sich diesem dunklen Kapitel europäischer Historie zu nähern.

Unkonventionelle Stilmittel

Dabei greift der französische Regisseur Stan Neumann auch auf unkonventionelle Stilmittel und Einspielungen zurück. So beginnt er mit einem Sketch der britischen Komikertruppe Monty Python über die Spanische Inquisition. Die bitterbösen Satiriker zählten in dieser Szene - als wäre es ein Sketch für Historikerinnen und Historiker – fast schon wissenschaftlich penibel auf, auf welche Mittel die Inquisitoren damals setzten. Dazu gehörten unter anderem die Verbreitung von Angst, bürokratische Effizienz oder die totale Unterordnung gegenüber der Autorität des Papstes. 

Neumann lässt die vielen interviewten Expertinnen und Experten allerdings noch viel detaillierter in die Praktiken dieser Sittenpolizei im Namen des christlichen Glaubens eintauchen. Das ist nicht nur rechts- und kirchengeschichtlich enorm aufschlussreich, sondern auch mentalitätsgeschichtlich. So erfahren wir, dass ein Geständnis einer angeklagten Person im Anblick der Folterkammer lediglich als «spontan» galt, eines nach der erfolgten Folter als «freiwillig». Oder wie konkret und mit sexuellen Praktiken verbunden sich die Zeitgenossen den Kontakt mit dem Teufel und Dämonen vorstellten. 

Systemischer Vorläufer

Erhellend sind dabei auch die besonders gut recherchierten und zitierten Berichte von Inquisitoren selbst. Ihr Glaubens- und Weltbild dokumentierten sie in Schriften wie dem «Directorium Inquisitorum» (von Nicholas Eymerich um 1380 geschrieben) oder dem «Hexenhammer» (von Heinrich Kramer Ende des 15. Jahrhunderts). Und in Archiven von Sizilien bis Norddeutschland kann man heute noch in zahlreichen, als Register geführten Handbüchern nachlesen, wer und warum von der Kirche als Verdächtiger ins Visier genommen wurde. Die Inquisition kann somit als ein systemischer Vorläufer eines moderneren Überwachungsstaates bezeichnet werden, der sich rege des Denunziantentums bediente. 

Überhaupt zeigt Neumann immer wieder Parallelen zu totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts oder Methoden auf, die in unterdrückerischen Regimen bis heute angewendet werden. Dennoch behält er den chronologischen Faden aufrecht und spannt den Bogen von den Anfängen der Ketzerverbrennungen im 12. Jahrhundert – damals allerdings noch nicht auf Befehl der Inquisition – über die exzessive Hexenverfolgung im deutschsprachigen Raum bis zu den verstörend anmutenden Schauhinrichtungen der Spanischen Inquisition, den sogenannten Autodafés.  

Die Dokumentation erschafft so ein breitgefächertes Gesamtbild mit unterschiedlichsten Perspektiven und wissenschaftlichen Ansätzen, das trotz insgesamt 110 Minuten Länge kaum dramaturgische Hänger aufweist. Und auch wenn die teils niederschmetternde Schwere des Themas nicht für jedermann und – frau geeignet ist, so kann man diese Doku für Interessierte der Kirchengesichte nur bestens empfehlen. 

«Die Inquisition». Regie: Stan Neumann, Frankreich 2026. Ab sofort auf der Arte-Mediathek, verfügbar bis 21. April 2027.