Die private Insel ist eigentlich immer leer

Schreibtisch

Marieke Kruit ist die erste Stadtpräsidentin von Bern. Ihr Schreibtisch ist wenig spektakulär. Dafür ist es die Aussicht, wenn sie daran sitzt. 

«Mein Schreibtisch an sich ist ziemlich langweilig: ein funktionales Büromöbel. Genau das gleiche Modell haben auch viele Mitarbeitende der Berner Stadtverwaltung. Jedenfalls zeigte sich meine Schwiegermutter bei einem Besuch ganz verwundert, dass der Schreibtisch der Stadtpräsidentin nicht etwas mehr hermacht. 

Umso spektakulärer ist dafür die Aussicht, wenn ich vom Schreibtisch aus dem Fenster schaue. Man sieht hinunter auf die terrassierten Gärten der Altstadt, auf die Aare, das Mattequartier und bis zu den Berner Alpen. Dieser Ausblick ist ein Privileg, und ich geniesse ihn jeden Tag aufs Neue. 

Zum Glück bin ich eine Frühaufsteherin und kann so in aller Ruhe in meine langen Arbeitstage starten. An meinem Schreibtisch sitze – oder steh – ich nur, wenn ich tatsächlich Geschäfte lesen, vorbereiten oder am Bildschirm arbeiten muss. 

Für Gespräche ungeeignet 

Ich bin gern in Bewegung. Deshalb bin ich auch froh, dass ich die Höhe meines Tischs variieren kann. 

Nie würde ich am Schreibtisch sitzen, wenn ich mit einer Person ein Gespräch führe oder wenn mehrere Personen zu einem Meeting kommen. Dann setzen wir uns an den grossen, ovalen Tisch beim Eingang. 

Ein Schreibtisch ist eine Barriere zwischen Gesprächspartnern. Auch bei meiner früheren Tätigkeit als Psychotherapeutin sass ich nur für Büroarbeiten am Schreibtisch. 

Sässe ich am liebsten am Schreibtisch, hätte ich den falschen Job.
Marieke Kruit, Stadtpräsidentin von Bern

Wann immer es zeitlich möglich ist, nehme ich sowieso mein E-Bike und fahre zu Sitzungen in andere Gebäude der Stadtverwaltung. Ich treffe Menschen gern persönlich und mache mir auch gern vor Ort ein Bild, wenn es um Projekte geht. 

Als Stadtpräsidentin habe ich ausserdem zahlreiche Repräsentationsaufgaben, für die ich natürlich auch ausser Haus muss. Sässe ich am liebsten am Schreibtisch, wäre das definitiv der falsche Job! 

Als ich nach den Wahlen zum ersten Mal in mein neues Büro kam, stand der Schreibtisch noch nicht vorn am Fenster. Ich erinnere mich an diesen Moment, weil ich neben grosser Vorfreude auch die Verantwortung spürte, die mein Amt mit sich bringt. 

Ein ganz besonderer Ball 

Mein Schreibtisch ist praktisch leer. Die Digitalisierung der Verwaltung hat Ordner und Papiere nach und nach zum Verschwinden gebracht. Mir kommt das entgegen. Ich mag keine überstellten Räume oder Flächen. Ich brauche Luft und Platz um mich herum. 

Auf meinem Schreibtisch steht normalerweise eine Fotografie meines Patenkindes. Doch als der Fotograf kam, habe ich sie weggeräumt und in einer Schublade versorgt.

Mein Schreibtisch ist die einzige wirklich private Insel hier im Büro. Familienfotos müssen nicht alle sehen. Einige wenige lieb gewonnene Dinge habe ich auf dem Sideboard hinter dem Schreibtisch aufgestellt: einen Ball der Fussballeuropameisterschaft der Frauen, ein für mich angefertigtes Strassenschild oder ein grafisches Fanbuch über Bern.»