Aus dem Möbel wurde ein Arbeitskollege

Schreibtisch

Der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler arbeitet seit Jahren am selben Platz am selben Schreibtisch. So entstand eine Beziehung.

«Er ist eigentlich ein Unding, das wahrscheinlich einst als Esstisch gebraucht wurde. Ein riesiges Möbel. Und er hat keine Schubladen. Meine Frau hat ihn 1968 mitgebracht, als wir heirateten. Er kam aus ihrer Familie und wurde da nicht mehr gebraucht. Für mich war sofort klar, dass das ein Schreibtisch ist. 

Es hat genug Platz auf ihm. Ich kann die Dinge ein bisschen auf die Seite tun, ich kann mir ein Zentrum schaffen, wo ich daran arbeite. Und er strahlt einen gewissen Reichtum aus. 

Vom Dichter Ernst Jandl gibt es einen sehr schönen Spruch: ‹Mein Schreibtisch ist gedeckt für alle.› Das hat mir immer gut gefallen, weil meiner ursprünglich mal ein Esstisch war. Und die Vorstellung, dass ein Tisch auch mit Worten gedeckt werden kann. Für mich gehören Geschichten zu den Grundnahrungsmitteln des Menschen. Das können, glaube ich, alle bestätigen, die mit Kindern zu tun haben. 

Ein Stück Heimat 

Die Beziehung zu meinem Schreibtisch ist sehr innig und persönlich. Er wurde mit den Jahren viel mehr als ein Möbel, so etwas wie ein Arbeitskollege. Oder eine Mischung von Haustier und Arbeitskollege. Ein bisschen pathetisch gesagt, ist er ein Stück Heimat für mich. Ich habe das Gefühl, an diesem Tisch sei ich heimatberechtigt. 

Und tatsächlich freue ich mich jeden Morgen, wenn ich so um neun in dieses Zimmer im oberen Stock unseres Hauses komme und an meinen Schreibtisch sitzen kann mit der Aussicht auf Oerlikon – mit zunehmendem Alter umso mehr: Ich merke, es liegt alles bereit, was ich brauche, ich kann weitermachen.

Eigentlich ist er ein Unding, das früher wohl ein Esstisch war.
Franz Hohler, Autor

Ich sitze da unter meinen Ideen, in meinem eigenen Wörterland. Der Schreibtisch ist voll von Wörtern, die darauf warten, dass sie an die Reihe kommen. Natürlich haben sich Dinge verändert. Lange habe ich auf einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben, bis in die 80er-Jahre. Dem ist mein Gedicht ‹Empfang› gewidmet – und dem Schreibklang.

Die Töne beim Tippen, das Klappern, das hat mir beim Übergang zu den nachfolgenden Geräten gefehlt. Dieses Arbeitsgeräusch, das mir immer ein bisschen das Gefühl gegeben hatte, ich sei ein Handwerker. Das sind die Autorentöne, so klingt die Dichtermusik sozusagen.

Sich gleich selbst abgeräumt 

Und doch habe ich eigentlich immer alle Geräte gern bekommen. Die elektrische Schreibmaschine, dann den Computer, den ersten Laptop und nun nach zwölf Jahren den neuen mit einem zusätzlichen Monitor, auf Anraten der Physiotherapeutin und meiner Mitarbeiterin. 

Ganz abgeräumt habe ich meinen Schreibtisch nie. Doch das Unding hat sich einmal selbst geleert. Die Tischplatte ist gebrochen unter zu grossem Gewicht. Alles lag am Boden, und was nicht da lag, musste ich wegnehmen, damit der Schreiner den Tisch flicken und dann verstärken konnte. Das war vor ein paar Jahren. Ich nahm mir vor, etwas weniger auf dem Schreibtisch zu haben. Ich konnte es nicht einhalten.»