Während Stunden im Schwebezustand

Schreibtisch

Corinna Staffe taucht an ihrem Arbeitstisch in andere Welten und erlebt Momente des Staunens und der tiefsten Zufriedenheit. 

«Zwei aneinandergestellte Metalltische. Auf dem einen ein Computer, auf dem anderen ein Skizzenbuch, Stifte und eine Kurbelspitzmaschine. Was nüchtern aussieht, ist für mich ein Ort tiefsten Glücks. 

Hier entstehen, meistens am Computer, meine Collagen für Zeitungen und Magazine, hier zeichne ich von Hand meine eigenen Projekte. Oft laufe ich hin und her, sitze mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Tischs, skizziere, zeichne und scanne Bilder. 

Vom Stress in absolute Ruhe 

Der Weg zum Glück beginnt manchmal mit Stress, vor allem bei neuen Kunden. Immer wieder fürchte ich dann, mir könnte nichts einfallen, dabei ist das noch nie passiert. Trotzdem ist der Anfang manchmal ein Knorz. Ich fluche, bin gereizt, in solchen Phasen darf mich niemand stören. 

Statt aufzustehen und den Kopf auszulüften, mache ich genau das Falsche: Ich bleibe viel zu lange vor dem Computer sitzen, als wäre mein Kopf darin gefangen. Zum Glück fordert unser Hund zuverlässig einen Spaziergang ein, so dass ich oft an die frische Luft komme.

Wenn dann erste Bilder in meinem Kopf auftauchen, ist das jedes Mal ein kleiner Moment des Staunens. Wow, es kommt etwas! Ruhe breitet sich in mir aus, ich beginne zu arbeiten. Auch nach 25 Jahren als Illustratorin ist das jedes Mal ein grosses Glück. Wegen dieses Moments liebe ich meinen Beruf. Ich arbeite gern allein, ganz für mich an meinem Tisch. Kreiere Werke, die später in die Welt hinaus zu den Menschen gehen. 

Diesen Flow erlebe ich nur hier, nirgendwo sonst gelingt mir das.
Corinna Staffe, Illustratorin

Auch die Geschichte der beiden Tische reicht so lange zurück. Erst war es nur einer, er gehörte meinem Mann. Dann übernahm ich ihn und kaufte noch einen zweiten dazu, damals für das grosse Atelier in Lyon, nach unserem Wegzug aus Basel. 

In unserer letzten Wohnung gab es nur Platz für einen, der andere musste in der Garage ausharren. Die Enge schmälerte die Freude an meiner Arbeit. Seit wir vor anderthalb Jahren in das grosse alte Haus hier aufs Land zogen, schlägt mein kreatives Herz wieder viel stärker. 

Ein Tisch steht nie für sich allein. Die Umgebung trägt mit. Hier gibt es Raum und Luft, durchs Fenster sehe ich auf einen Kanal, Schiffe ziehen vorbei. Ich fühle mich wieder äusserst inspiriert. 

Im eigenen Film 

An meinen Tischen verliere ich mich in anderen Welten. Ich verbringe viel Zeit mit der Recherche nach Bildern in meiner grossen Fotobibliothek, erfinde Kontexte, sichte Texturen und füge sie zusammen. 

Ich fühle mich dann wie eine Regisseurin in einem Theater, die Szenen entwickelt. Nichts kann mich in diesem Moment ablenken, nie blicke ich auf mein Handy, oft staune ich, wie viel Zeit vergangen ist, wenn ich mal auf die Uhr schaue.

Den Flow erlebe ich nur hier, nirgendwo sonst gelingt mir das. Gehe ich nach dem Abendessen in mein Atelier, um aufzuräumen, setze ich mich oft nochmals an den Tisch. Eine geheimnisvolle Kraft zieht mich an.»