Eine Friedensinsel für Kinder im Libanon

Bildung

Die Johann-Ludwig-Schneller-Schule verhilft Kindern in schwierigen Lebenslagen zu Resilienz und Perspektiven. Dies mit reformierter Unterstützung aus der Schweiz.

Odette Haddad Makhoul ist voller Vorfreude. Die zweimonatige Sommerpause ist bald vorbei, und das Leben kehrt in ihre Schule zurück. Diese liegt im Dorf Khirbet Kanafar im Libanon. Anders als nach den Frühlingsferien ist die Lage zurzeit einigermassen ruhig. 

Krieg und Wirschaftsnot

Damals war täglich Bombenlärm aus der Ferne zu hören. Anfang März eskalierte der Konflikt zwischen Israel und der schiitischen Miliz Hisbollah. Niemand wusste, wie weit der Konflikt noch eskalieren würde; viele Menschen flohen aus dem Land. Die Strassen waren so unsicher, dass die Schule drei Wochen schliessen musste. Manche Familien bereiteten sich auf die Flucht vor. 

Das Beeka-Tal, in dem Khirbet Kanafar liegt, ist zwar nicht im Kampfgebiet, gilt aber als Rückraum für die Hisbollah und ist daher gefährdet. «Seit der Waffenruhe ist es ruhiger geworden», erzählt Haddad im Interview via Zoom. «Aber uns fordern nicht nur der politische Konflikt, sondern auch die wirtschaftliche Misere.» Strom, Lebensmittel, Diesel, Schulmaterial: Alles würde ständig teurer. Sie zuckt mit den Schultern:  «Das Wort <stabil> haben wir sowieso nicht im Vokabular.»

Für die Kinder ist der Ort viel mehr als eine Schule.
Odette Haddad Makhoul, Schulleiterin

Im Libanon ist die Johann-Ludwig-Schneller-Schule einzigartig. Sie bietet ein duales Ausbildungssystem mit Kindergarten, Schule und Berufsausbildungen und richtet sich ausschliesslich an Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen, darunter syrische Flüchtlingskinder. Rund 300 sind es, ein Teil lebt unter der Woche in Wohngruppen in zwölf Häusern. Auf dem Areal arbeiten unter anderem Psychologen, Betreuer, Köche und ein Schularzt. 

Ein Safe Space im krisgenschüttelten Land

Zudem pflegt die Schule, die von der Evangelischen Nationalkirche von Beirut getragen wird, bewusst die Interreligiosität. Rund 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind Muslime, der Rest Christen verschiedener Konfessionen sowie Drusen. Man feiert zusammen Weihnachten und das Fastenbrechen am Ende des Ramadan. «Für die Kinder ist der Ort viel mehr als eine Schule», sagt Haddad. «Hier lernen sie einen offenen, friedlichen Umgang untereinander und sie können sich in einem geschützten Rahmen, fernab ihrer Problemen zu Hause und jener im Land, entwickeln.»

Von Deutschem gegründet

Die Tradition der Schule reicht ins 19. Jahrhundert zurück. 1860 gründete der deutsche evangelische Missionar Johann Ludwig Schneller im Auftrag der Pilgermission Basel in Jerusalem ein Waisenhaus für syrische Kinder, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit erhielten sie dort ein Daheim und Bildung. 

Nach der Schliessung des Hauses im Zweiten Weltkrieg wurden im Libanon und Jordanien je eine Schule in der Schneller-Tradition gegründet. Das Ziel ist bis heute dasselbe: Bildung und Friedenserziehung für ein Leben in Würde. «Die Eltern der Kinder bezahlen nur wenig Schulgeld», sagt Haddad. «Wir klären jeweils mit den Eltern, was für sie möglich ist, ohne dass ihr Budget zu stark belastet wird.»

Seit der Anfangszeit des Syrischen Waisenhauses können die Schulen auf Schweizer Unterstützung zählen. Ein grosser Teil der Finanzierung stammt vom Schweizer Verein für die Schneller-Schulen und einem Pendant in Deutschland. Im siebenköpfigen Vorstand des Schweizer Vereins sind derzeit zufällig vier aus dem Aargau. Der pensionierte Pfarrer Ursus Waldmeier aus Aarau ist Präsident, Pfarrerin Dagmar Bujack, auch sie Aarauerin, Vize-Präsidentin. Alle im Vorstand arbeiten gratis, das jüngste Mitglied, die Studentin Johanna Leidel, absolvierte an der Schneller-Schule in Jordanien ein Praktikum. 

Herzensprojekt

Waldmeier kam erstmals 1985 mit den Schulen in Berührung und reist, wenn es die Lage zulässt, jedes Jahr hin, um sich mit den Schulleitern über die Lage und Projekte auszutauschen. Der Verein, der seit Langem auf Spenden und Kollekten aus den Kirchgemeinden zählen kann, überweist trotz Spendenrückgang jeder Schule jährlich je 30 000 Franken als Grundbeitrag, hinzu kommen bis 60 000 Franken für Projekte. Finanziert werden damit die Jahreslöhne für einen Teil des Personals oder auch die neuen Räume für Schreinerlehrlinge und Geräte für die Elektronikerausbildung. 

Die Schule leistet unglaublich wertvolle Arbeit in einem Land, das mit Krieg, wachsender Armut und fehlenden Perspektiven konfrontiert ist.
Ursus Waldmeier, Präsident Schweizer Verein für die Schneller-Schulen

Letztmals war Waldmeier zusammen mit Dagmar Bujack im November vor Ort. Das Projekt ist für beide schon längst eine Herzenssache geworden. Waldmeier: «Die Schule leistet unglaublich wertvolle Arbeit in einem Land, das mit Krieg, wachsender Armut und fehlenden Perspektiven konfrontiert ist.» 

Die stabile Unterstützung aus der Schweiz und Deutschland ist für Haddad existenziell: «Ohne sie würden wir nicht mehr existieren, und unzählige Menschen hätten nun vermutlich ein viel schwierigeres Leben.»