Auf dem Weg zur Kirche St. Anton sagt Bruder Mathias, arm fühle er sich nicht, im Gegenteil: «Ich fühle mich reich beschenkt.» Man brauche erstaunlich wenig, um glücklich zu sein. Miete und Krankenkasse übernimmt der Orden, finanziert über Spenden, Legate und die Arbeit der Brüder. Kein Auto, kein teures Restaurant, keine Markenkleidung – all das sei, in Wirklichkeit, ein Gewinn, sagt er, und man merkt, dass er das nicht zum ersten Mal sagt, aber auch, dass er es glaubt.
Auf Umwegen ins Kloster
Zu den Franziskanern kam Bruder Mathias über einen Umweg, der so gar nicht klösterlich beginnt: Er habe Politikwissenschaft studiert, in der Ukraine und in Russland für eine Handelsfirma gearbeitet. Anfang 30 habe er gespürt, dass etwas fehle. Er begann, in der Bibel zu lesen, ging in Gottesdienste, und als die Firma schloss, entschied er sich, der neuen Sehnsucht nachzugehen.
Erst Stunden, dann Wochen, dann Monate lebte er im Kloster Näfels mit, bis er den Habit nahm. Mit dreissig, sagt er, hätte er nie gedacht, einmal ins Kloster einzutreten. Was Franziskus ablehnte, sei nicht die Arbeit gewesen, sondern das Anhäufen von Besitz, erklärt Bruder Mathias. «Sobald ich Besitz habe, verteidige ich ihn und will ihn vermehren – das bringt mich sofort in die Logik des Habenwollens.» Dabei stammte der Ordensgründer selbst aus einer Kaufmannsfamilie und kannte Geld und Luxus aus eigener Anschauung, was seine spätere Ablehnung wohl noch etwas radikaler macht.
Die Gefahr der Gier
Ist Geld also die grosse Versuchung? «Geld an sich ist neutral», sagt Bruder Mathias. «Aber der Mensch verfällt immer wieder der Gier nach mehr.» Von «Armut» spricht er dabei ungern, das gehe ihm zu weit, lieber spricht er von Bescheidenheit und Gemeinschaft – und davon, zu teilen, was man hat, mit denen, die wenig haben. Wichtig sei, dass der Verzicht freiwillig gewählt sei: «Einem Armen auf der Strasse kann ich nicht sagen: Sei glücklich, du bist doch arm.» Gerade in reichen Ländern liege in der materiellen Absicherung eine Gefahr, findet er: Wer alles habe, verschliesse sich irgendwann und frage sich, wozu er noch Gott brauche.
In der Küche frage ich, ob der franziskanische Lebensstil ein Gegenmodell sei zu einer Gesellschaft, in der viele unter Stress und Burn-out leiden. «Ja, sicher», sagt Bruder Mathias und denkt an seine Zeit in Graz zurück, wo er vielen Bettlern begegnete: «Ich hatte kein Geld, aber Zeit, und diese Zeit schenkte ich ihnen.» Viele Menschen sehnten sich nach Einfachheit, steckten aber im Hamsterrad fest und schafften den Ausstieg nicht. Bescheiden zu leben, heisse, sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? «Ich weiss nicht, wer sich diese Frage im Alltag noch stellt. Bei uns ist sie ständig präsent.»
Und es geht doch weiter
Besonders eindrücklich erlebt er das beim Reisen. Manchmal reist er bewusst per Autostopp. Man stehe am Strassenrand, meist nehme einen schon bald jemand mit, man komme ins Gespräch, oft entstehen daraus sehr intensive Gespräche. Dann werde man irgendwo abgesetzt, müsse eine Stunde warten und hadere mit Gott, ob es heute überhaupt noch weitergehe. «Und dann kommt jemand und bringt einen ganz unverhofft bei Schwestern unter.» Solche Momente zeigten ihm: Gott versorge einen wirklich, es gehe immer irgendwie weiter.
Am Abend wieder Mails. Was, frage ich mich, wenn ich einfach für einen Tag unerreichbar bliebe? Die Vorstellung macht, muss ich zugeben, Lust auf mehr.
Erkenntnis des Tages gemäss Franziskus: «Denke daran: Wenn du glücklich sein willst, sei es.» Der Spruch von Franz beschäftigt mich noch lange in der Nacht.
Das ewige Gelübde
Bruder Niklaus treffe ich in der Bibliothek, das Küken unter den Brüdern. Katholizismus war ihm nicht fremd, in seiner Familie gehörten Messe und Rosenkranz zum Alltag. In zwei Monaten legt er seine Profess ab und tritt endgültig in den Orden ein.
Für ihn ist das ewige Gelübde wie eine Hochzeit, sagt der spirituelle Bräutigam, ohne mit der Wimper zu zucken. Zweifel hat der 27-Jährige keine. Er liebt die Freiheit dieses spirituellen Lebens, die Zeit fürs Gebet, dass sein Tag nicht von acht Arbeitsstunden diktiert wird. Der ehemalige Automatikmonteur ist heute der Schneider des Ordens. Er näht die Kutten der Brüder; jeder bekommt zwei massgeschneiderte, für eine braucht er vier Tage. Es gibt, denke ich, schlechtere Berufe.
Raum für Gottes Wirken
Eigene Sozialwerke betreiben die Franziskaner in Zürich nicht. Bei einem Treffen mit Jesuiten und Dominikanern seien sie einmal nach ihren Projekten gefragt worden und ziemlich überfordert gewesen mit der Antwort, erzählt Bruder Mathias. «Da sagte einer von uns: die Bruderschaft, die Gemeinschaft. Und das stimmt tatsächlich.»
Zusammenleben, Zeit investieren für andere Menschen, in diesem Haus, in diesem Quartier, in dieser Stadt, das sei ihre erste Aufgabe. So entstehe ein Raum, in dem Gott wirken könne. Diesen Raum bieten sie mit ihren Gästezimmern, den Teilete-Feiern und ihrem Einsatz für Menschen in der Stadt.
Verbunden mit der Schöpfung
800 Jahre später fasziniere Franziskus noch immer Menschen über alle Glaubensgrenzen hinweg, sagt Bruder Mathias. Die einen wegen seiner Verbundenheit mit der Schöpfung, die anderen wegen des Interreligiösen, wieder andere wegen seiner Radikalität.
Franziskus wecke in den Menschen bis heute eine Sehnsucht: nach Einfachheit, nach Freiheit, nach einem Leben, das sich nicht an Besitz festklammert, sondern den Moment lebt.
Dann muss Bruder Mathias los, zur Heilsarmee, wo mittags Bedürftige kostenlos oder für wenig Geld verköstigt werden. Dort sucht er das Gespräch, will zeigen, dass niemand allein ist. In Sandalen und Kutte geht er zur nächsten Tramhaltestelle, mitten hinein in Hektik und Lärm, manche Blicke bleiben erstaunt an ihm hängen. Ihn scheint das nicht zu stören, so wenig wie seinerzeit seinen Ordensgründer. Manchmal, sagt er, halten ihn Kinder für den Samichlaus.
Immerhin ein Anfang
Am Abend bin ich zurück, schlafe wieder in meinem eigenen Bett, seit kurzem finanziert von Pensionskasse und AHV, was mir plötzlich sehr komfortabel vorkommt und gleichzeitig ein bisschen fad. Drei Tage lang habe ich offene und herzliche Menschen kennengelernt, die in ihrem Leben die Nachfolge Jesu suchen und sich dabei an Franz von Assisi halten. Sie leben ohne Besitz und fühlen sich reich beschenkt, verzichten auf Familie und finden ihr Glück in der Gemeinschaft, lassen sich von Gebetszeiten treiben – und gerade deshalb ist ihnen der Moment kostbar.
Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die Frage, ob dieser 800 Jahre alte Lebensentwurf noch etwas zu sagen hat zu einer Gesellschaft, die permanent online, permanent im Hamsterrad und permanent auf der Suche nach mehr ist. Ich für meinen Teil habe zumindest die Mails am dritten Abend erst nach dem Abendessen gecheckt. Ein Anfang.
Letzte Erkenntnis gemäss Franziskus: «Gegen die Nacht können wir nicht ankämpfen, aber wir können ein Licht anzünden.» Toller Spruch, denke ich, als ich das Licht ausschalte.