Er hört, was ihm der See erzählt

Musik

Der syrische Komponist Hassan Taha will mit seiner Musik Brücken zwischen Kulturen und Religionen bauen. Der Wohlensee hilft ihm dabei. 

«Ich habe das Paradies gefunden», sagt Hassan Taha. Es liegt für ihn im Nordwesten der Stadt Bern, am Wohlensee. Jeden Tag kommt er ans Ufer, spaziert, sitzt auf einer Bank oder schwimmt im langsam fliessenden Wasser. Vor allem aber hört er zu, was ihm der Wohlensee erzählt. Er lauscht dem Plätschern und Gurgeln, dem Schnattern der Enten, hört, wie die angebundenen Boote an ihren Tauen ziehen oder Kinder jauchzen, wenn sie von der Brücke ins Wasser springen. 

All diese Geräusche werden in Hassan Tahas Kopf zu Musik. Der 58-Jährige ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Syriens. Er kam 2012 für das Masterstudium an die Hochschule der Künste in Bern. Dies war nur möglich, weil ein befreundetes Schweizer Paar ihn unterstützte. 

Wegen des Krieges und der politischen Situation konnte Taha nach Abschluss des Studiums nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Seither lebt er mit seiner Frau in Hinterkappelen, in der Nähe des Wohlensees. Er hat sich einen Namen gemacht mit Musikprojekten, die Orient und Okzident verbinden. 

Die Musik verbindet zudem das Paar, seit sich die beiden in Damaskus kennengelernt haben. Najat Suleiman studierte dort Gesang, Hassan Taha das Spiel der arabischen Laute Oud und des Waldhorns. 

Brodelnde Gefühle 

Der Wohlensee schenkt Hassan Taha Ruhe. Der See ist aber auch ein Ort, der ihn als Komponisten inspiriert. In seinem Werk «Das angebundene Boot» bringt Taha Gefühle zum Klingen, die noch heute in ihm «brodeln», weil er als Kritiker des Assad-Regimes in seiner Heimat in ständiger Angst lebte. «Die Boote sind am Steg befestigt, sie können nicht dorthin, wo sie möchten. Dennoch bewegen sie sich.» 

Beim Lesen, Komponieren und Musizieren bin ich in einem Schutzraum.
Hassan Taha

Es war die Kunst, die Taha stets eine innere Bewegungsfreiheit ermöglichte. «Beim Lesen, Komponieren und Musizieren bin ich in einem Schutzraum.» Macht und Diktatur hätten hier keinen Zutritt. 

Immer wieder das Wasser 

Das Element Wasser zieht Hassan Taha an. «Ich hatte schon als Kind eine grosse Liebe zum Meer», erzählt er. Während des Studiums entdeckte er die Brunnen in Bern, die Aare, Seen. «Jedes Gewässer hat seinen eigenen Klang.» Er arrangierte für das Ensemble Brunnen und Brücken syrische und schweizerische Volksmusik. Solche Projekte machen Taha Freude, geben ihm aber auch Kraft, wenn ihn düstere Gedanken plagen. Oder Schuldgefühle, weil er seine Heimat verlassen hat. Im Gespräch schimmert neben seiner Begeisterung für die Musik häufig auch Traurigkeit durch. 

Gerne würde er junge syrische Musikerinnen und Musiker unterrichten, mit ihnen den Horizont der traditionellen Werke erweitern. Jedoch bleibt er auch nach dem Sturz des Assad-Regimes skeptisch, was den Weg zu einem demokratischen Staat anbelangt. «Für mich ist das aktuelle Regime in Syrien bloss eine andere Variante von Diktatur.» 

Manche werden das naiv finden. Für mich ist es mein bescheidener Beitrag zum Dialog.
Hassan Taha

Also setzt Hassan Taha seine Musik für Projekte ein, die Völker, Kulturen und Religionen verbinden. Er tritt mit seiner Frau an interreligiösen Gottesdiensten auf oder komponierte ein Werk für den Zürcher Chor Inter Kultur, der gemeinsam mit einem israelischen und einem palästinensischen Chor durch die Schweiz tourt. «Manche werden das naiv finden. Für mich ist es mein bescheidener Beitrag zum Dialog.» 

Hassan Taha sagt, wie dankbar er sich fühlt, in einem derart friedlichen Land wie der Schweiz eine neue Heimat gefunden zu haben. Und den Wohlensee.

Er erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal am Ufer stand. «Ich sah Männer und Frauen, die im See badeten. Gleichberechtigt. Ohne Angst, irgendeine Regel eines Herrschers nicht zu befolgen. Ich sah, wie unterschiedlich diese Menschen sein dürfen.» Wenn das nicht das Paradies sei.