Weshalb Barth den Vorschlaghammer auspacken musste

Theologie

Mit Karl Barth setzte sich Theologieprofessorin Christiane Tietz intensiv auseinander. Wer ihn verstehen will, sollte ihr Buch lesen.

Karl Barth  (1886–1968) machte sein Erfolg stutzig. Nachdem 1919 die Leute seinen Römerbriefkommentar gelesen hatten, mussten sie doch geschockt sein, statt zu applaudieren. Barth hatte kritisiert, dass sich der Mensch Gott zurechtzimmert. 

Gewissheiten in Trümmern

Christiane Tietz spricht von der «Zertrümmerungsphase» in Barths Werk, die mit der Publikation der Schrift zum Römerbrief vor 100 Jahren begann. Die Professorin, die an der Universität Zürich Systematische Theologie lehrt, legt ein kluges und lesenswertes Buch über den berühmten Basler Theologen vor. Sie entfaltet dessen Werk biografischen Daten entlang und lässt die Korrespondenz mit Zeitgenossen immer wieder aufscheinen. Fassbar wird ein gläubiger Intellektueller, der sich zuweilen deutlich abgrenzt, mit sich ringt und sich von anderen Denkern inspirieren lässt.

Karl Barth wehrte sich unter dem Eindruck des Schreckens des Ersten Weltkriegs gegen die Vereinnahmung Gottes durch Theologie, Kirche und Politik. Von der liberalen Theologie herkommend, wandte er sich nun auch vom religiösen Sozialismus ab, weil sich viele Linke von der in Europa grassierenden Kriegseuphorie anstecken liessen.

Als er sich mit den Schriften des Apostels Paulus befasste, war Barth Pfarrer in Safenwil, wo er sich im Einsatz für Arbeiterinnen und Arbeiter den Ruf des «roten Pfarrers» erwarb. 1921 bis 1935 lehrte er an deutschen Universitäten. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus führte zu seiner Entlassung. Von der Schweiz aus unterstützte er weiterhin die Bekennende Kirche, die sich von der nazifreundlichen offiziellen Kirche distanziert hatte.

Das reformatorische Erbe

Auf das erste der Zehn Gebote, dass der Mensch keine anderen Götter haben soll, führte Barth seinen Widerstand zurück. Den Staat mit seinen Gesetzen sollen Christen anerkennen, doch bleibt der Gehorsam gegenüber Christus die höchste Instanz. «Deshalb war Barths Theologie immer politisch», sagt Tietz.

Barths Trennung zwischen Gott und Welt knüpft an die reformierte Rechtfertigungslehre an. Den Zuspruch Gottes kann sich niemand verdienen. Die Gnade kommt «senkrecht von oben».  Barth, der Gott als «den ganz Anderen» bezeichnete, habe «alle Selbstsicherheit des Menschen und alle Selbstverständlichkeiten zertrümmert», erklärt Tietz. Die Unsicherheit auszuhalten, genau das sei Glaube. «Als der unbekannte Gott wird Gott erkannt»: So lautet ein typischer Barth-Satz.

Offenbart hat Gott sich in Christus. «In ihm zeigt Gott, wie er wirklich ist, und wie sich christliches Leben vollzieht», sagt Tietz. Im Gespräch verweist sie auf die ethische Dimension in Barths Theologie.

Freilich bleibt das Terrain unsicher. «In Christus begegnet Gott der Welt so wie eine Tangente, die den Kreis berührt», sagt Tietz. Die Berichte in den Evangelien bezeichnet sie als «Einschlagtrichter der Menschwerdung Gottes».

Von der Nähe Gottes

Indem Christus ins Zentrum rückt, eröffnet sich trotz aller Negation die Möglichkeit der Gottesbeziehung. Tietz: «Barth konnte entfalten, dass sich Gott in Christus dem Menschen umfassend zu erkennen gibt.» Gott ist genau so wie Jesus: heilend, menschenfreundlich, barmherzig. In seiner Arbeit als Gefängnisprediger war für Barth diese Gewissheit besonders prägend.

Seelsorge und Politik, der Gottesdienst als Möglichkeit, Gott im Hören auf sein Wort und in der Auslegung der Bibel zu erkennen, sowie die theologische Debatte gehören bei Barth zusammen. Dass es diese Elemente ineinandergreifen lässt, ist eine der Stärken des Buchs von Christiane Tietz.

Christiane Tietz: Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch. C.H. Beck, 2. Auflage, 2019.