Eine ältere Dame aus der Heilsarmee hielt ihre Einladung in der Hand und bemerkte: «Ich bin etwas enttäuscht, dass die Tramfahrt nicht wie angekündigt in einem nostalgischen Tram stattfindet.» Da dieses nicht rechtzeitig aus der Werkstatt entlassen wurde, war stattdessen ein modernes im Einsatz.
Eine unerwartete Enttäuschung auch für die Organisatoren, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen des Kantons Zürich (AGCK). Ein Herr mit Seidentuch um den Hals erklärte: «Ich gehe fast nur an kulturelle Veranstaltungen der Kirche und nicht in den Gottesdienst. Peter Bichsel im Tram wollte ich auf keinen Fall verpassen.»
Einsteigen bitte. Die meisten Anwesenden könnte man jedoch auch in einem gewöhnlichen Gottesdienst treffen. Von aussen war kaum zu erkennen, dass dies ein Bibeltram war. Von Zeit zu Zeit stiegen Passagiere aus Versehen ein und etwas verschreckt bei der nächsten Gelegenheit wieder aus.
Die AGCK feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Die Arbeitsgemeinschaft besteht aus verschiedenen Mitgliedkirchen, von den Landeskirchen bis zu den orientalischen Orthodoxen. Was sie alle verbindet ist die Bibel. Da war es naheliegend, die aus Ulm stammende Idee des Bibeltrams zu kopieren.
Hermann-Josef Hüsgen, Präsident der AGCK, zur Motivation hinter dem Anlass: «Da die AGCK eher von kirchlichen Kreisen wahrgenommen wird, wollten wir uns einer grösseren Öffentlichkeit präsentieren.» Ob dies gelungen ist? Sicherlich waren Leute aus verschiedenen Kirchen vertreten. Insgesamt war die Veranstaltung mit zehn bis maximal dreissig Leuten aber eher mager besucht.
Alles hat seine Zeit. Beeindruckend war die Liste der Vorlesenden. Monika Stocker und Peter Bichsel wählten beide Kohelet 3 «Alles hat seine Zeit». Während es draussen gefühlte zwanzig Grad war und entlang des Limmatquais Angestellte der Stadt die Weihnachtsbeleuchtung aufhängten, lauschten im Tram zehn Menschen, wie Peter Bichsel Kapitel um Kapitel aus dem Predigerbuch vorlas. Gut nur, dass Bichsel Ende Oktober in der Radiosendung «Persönlich» sagte, dass er sich nur unter Minderheiten wohlfühlt. Er las: «Wer Geld liebt, wird des Geldes nicht satt.» Und weiter: «Süss ist der Schlaf des Arbeiters, ob er wenig oder viel zu essen hat. Doch die Sättigung des Reichen lässt ihn nicht schlafen.»
Die Worte bekamen eine eigene Brisanz, als das Tram durch die Zürcher Bahnhofstrasse fuhr. «Die teuerste Strasse der Welt», wie Alt-Stadträtin Monika Stocker kommentierte. «Jeden Zentimeter könnte die Stadt teuer verkaufen, aber zum Glück macht sie es nicht.» Peter Bichsel blickte nur einmal kurz vom Bibeltext auf und meinte: «Das ist alles die Beschreibung unserer Zeit, die schon damals sichtbar war. Ein Trost nach unseren letzten Wahlen», fügte er spitzbübisch hinzu.
Zwischen den Tramfahrten kam es zu Begegnungen unter den Lesenden. Pfarrer Niklaus Peter begrüsste Peter Bichsel herzlich und klopfte ihm auf die Schulter. Fast so als würden sie sich schon lange kennen. Danach stieg er ins Tram und begann seine Lesung mit dem Lobpsalm 103. «Ein etwas langer Psalm, aber ich finde es wichtig, dass wir Gott auch loben», begründete er seine Wahl. Nach ihm folgte Andreas Müller-Crépon. Er entschied sich für einen weiteren Text mit politischer Brisanz: die Bergpredigt.
Fünf Bücher im Hause Bichsel. Es war die Kombination von biblischen Worten im ungewöhnlichen Kontext, die den Reiz des Bibeltrams ausmachte. Dass sich vier Persönlichkeiten für die Zürcher Jungfernfahrt zur Verfügung stellten, ist vor allem Hatto Berendts zu verdanken. Er ist Initiant des Bibeltrams und Mitglied der AGCK.
Die Lesenden habe er «einfach angefragt». Dass er bei Bichsel auf offene Ohren stiess, war Zufall. Er wusste nicht, dass dieser einen Bezug zum christlichen Glauben hat. In der erwähnten Radiosendung hatte Bichsel gesagt, dass er in einem Haushalt mit lediglich fünf Büchern aufgewachsen ist. Eines davon die Bibel. Deswegen hat er «das beste literarische Buch der Welt» schon als Kind mehrmals gelesen.
