Umgang mit Tragischem: «Es braucht Urvertrauen ins Leben»

Sachbuch

Reinhold Bernhardt hat sich mit dem Widerfahren des Tragischen auseinandergesetzt. Ein breiter intellektueller Ansatz geht einher mit praktischen Ratschlägen.

Jeder erwachsene Mensch dürfte diese Erfahrung schon gemacht haben: Wir geraten selbst verschuldet oder ohne unser Zutun in eine Situation, die uns entgleitet und gar Unheil anrichtet. Es braut sich ein Sturm zusammen, und wir sehen ihn zuweilen auch kommen, können ihm aber nicht entrinnen. Oft gibt es dabei den einen entscheidenden Moment, in dem der zuvor harmlos wirkende Verlauf auf einmal eine fatale Richtung einschlägt. Seit den grossen Tragödien der Antike, die auch heute noch in den Theatern gespielt werden, heisst das Peripetie. Eine chaotische Eigendynamik nimmt ihren Lauf, und wir werden in den Strudel der Ereignisse gezogen. 

Der «Erfahrung des Tragischen» hat sich nun der Theologe Reinhold Bernhardt in seinem gleichnamigen Buch gewidmet. Der emeritierte Professor, der bis 2024 an der Universität Basel lehrte, beginnt mit seiner stark wissenschaftlich geprägten Abhandlung genau dort, wo der Begriff seinen kulturgeschichtlichen Anfang nimmt: in der griechischen Dramenkunst. 

Ausgangspunkt Antike 

In seinem 270 Seiten langen Werk spannt Bernhardt einen weiten Bogen und nähert sich dem Thema mit verschiedenen Ansätzen. Dazu gehört die grundlegende Erörterung und Definition, um was es sich beim Tragischen überhaupt handelt. «Ich wollte herausfinden, was wir darunter verstehen. Ist es nur das Schreckliche oder hat der Begriff eine genauere Bedeutung?», sagt der Autor im Gespräch mit «reformiert.». Schritt für Schritt seziert und beleuchtet er den Begriff und die zugehörigen Merkmale. So schält Bernhardt den Kern des Tragischen in den attischen Tragödien und den modernen Dramen genauso heraus, wie er das Thema in der Philosophie und der Theologie verortet. Dazwischen nimmt er eine umfangreiche und differenzierte Typologisierung vor. 

Das ist alles hochspannend, aber auch ein ausgeprägt intellektueller Zugang. Als einfacher Lebensratgeber wird diese Publikation nicht in den Regalen der Buchhandlungen auftauchen. Das ist wohl auch nicht das Ziel. Und doch möchte Bernhardt dazu beitragen, «die Erfahrung des Tragischen genauer in den Blick zu bekommen und besser zu verstehen». Um so besser damit umgehen zu können. 

Hierfür zeigt Bernhardt stringent, was das Wesen des Tragischen ausmacht. Es liegt unter anderem in der Unverhältnismässigkeit des hereinbrechenden Unglücks zur Ausgangstat oder Intention bis hin zur Sinnlosigkeit. Und in der Kontingenz der Geschehnisse, im Umstand, dass diese nicht zwingend ins Verderben führen müssen. Fatalismus ist für Bernhardt fehl am Platz. 

Der Glaube kann helfen 

Lässt sich ein Unheil somit im Prinzip abwenden? Das hält Bernhardt zumindest für möglich, allerdings nicht für allzu realistisch, weil tragische Erfahrungen oft zu einer totalen Lähmung führten. «Es ist ein schwieriger Prozess, bis man dahin kommt, sich bewusst gegen diese Erfahrung aufzulehnen.» 

Entscheidend ist für ihn eher die Frage, wie ein Mensch das Erlebte verarbeitet. Dabei gehe es nicht um intellektuelle Antworten auf Sinnfragen, sondern um die Heilung einer Wunde. Bernhardt legt hierfür gegen den Schluss des Buches sehr praktische Aspekte dar. Demnach braucht es vor allem viel Zeit und Geduld. Der Autor gibt nicht nur Betroffenen Inputs, sondern ermutigt auch Aussenstehende, die Hilfe leisten, «das Sinnlose mit der betroffenen Person auszuhalten, in der Hoffnung, dass diese einen Weg findet, damit umzugehen». 

Eine Leitfrage des letzten Kapitels lautet, wie sich tragische Erfahrungen denn zum Glauben an einen heilenden und gegenwärtigen Gott verhalten. Für den Theologen Bernhardt muss es nicht nur der Glaube sein, der die leidende Person durch schwere Lebensphasen tragen kann, denn sonst gäbe es schliesslich für Menschen ohne Glauben keine Hoffnung. Es brauche aber ein Urvertrauen in das Leben. Der Glaube «kann helfen, denn er ist mit der Gewissheit verbunden, dass man nicht ins Bodenlose fällt». 

Reinhold Bernhardt: Die Erfahrung des Tragischen. TVZ, 2026, 270 Seiten