Recherche 28. September 2016, von Reinhard Kramm

Kirchen, die es nicht mehr gibt

Kirchengeschichte

Auch Kirchen sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Eine Exkursion im Prättigau zeigt, welche Fragen bleiben, wenn Kirchen verschwinden.

Kirchgasse heisst der Weg in Fanas, aber er führt zu einer Wiese unter schattigen Bäumen, deren Gras die Kühe nicht fressen mögen und wo weit und breit keine Kirche zu sehen ist. Stört die Kühe, dass vor dreihundert Jahren hier einmal ein Friedhof lag? Oder mögen sie keine religiösen Orte?

Unter dem Gras. Tatsache ist jedenfalls, dass die Fanaser vor 550 Jahren hier ­eine Kirche bauten, modern, gotisch, mit in den Himmel aufstrebenden Fenstern und Mauern. Und Tatsache ist auch, dass die Kirche aufgegeben wurde, 1754, so weiss man heute dank eines Dokuments aus der Kirchturmkugel der neuen Kirche Fanas. Aber sonst weiss man über die alte Kirche wenig. Es waren harte Zeiten, die Pest tobte durch Fanas, 203 Menschen starben 1597, und 142 Menschen im Jahr 1629. Hundert Jahre später gaben die Fanaser auf und bauten die neue Barockkirche mitten im Dorf, am steilen Hang, wo man heute noch unter die Kirche schauen kann.

Elf Prättigauer Kirchen sind im Laufe der letzten 1500 Jahre aufgegeben worden (siehe Kasten). Der Jenazer Pfarrer Holger Finze forscht über sie und organisierte im September eine Exkursion zu fünf von ihnen.

Die ältesten Zeugnisse der Prättigauer Christenheit liegen im Pfarrhausgarten Schiers, zwischen Nussbaum, Schaukel und Grillstelle. Grundrisse deuten mit Platten an, dass hier vor 1500 Jahren zwei Kapellen standen. Chorbogen und Altar zeigt die eine, viereckig war die andere. Über der dritten parkieren Autos der Kirchenbesucher, man fand sie erst 1989. Drumherum lag ein Friedhof, über 150 Skelette vermass der Archäologische Dienst. Er fand heraus, dass ein Prättigauer von damals durchschnittlich 1.67 Meter gross war, Prättigauerinnen 1.61 Meter, und dass Menschen gerade einmal 34 Jahre alt wurden. Vermutlich sind es Begräbniskirchen, die hier fast gleichzeitig nebeneinander gebaut wurden, denn das würde erklären, warum sie so klein sind. Aber vielleicht war die dritte Kirche, jene unter dem Parkplatz, auch ein Baptisterium, eine Taufkirche. Sie hatten sich zum Christentum bekehrt, die beerdigten Prättigauer, denn es fehlen römischen Grabbeigaben, etwa die Münze im Mund für den Fährmann. Nur Holzkohle liegt bei den Toten, vielleicht sind es Überreste eines alten rätischen Feuerkults.

Gras darüber. Hundert Meter über Grüsch thront die ehemalige Hauptkirche des unteren Prättigaus. Solavers ist ein stolzer Bau, mit grossen, gotischen Fensterbögen und ehemaligen Wandmalereien. Sie ist streng nach Osten ausgerichtet, wie alle alten Kirchen dieser Exkursion, denn von dort kommt die Sonne und dort liegt Jerusalem. Mehr als tausend Jahre standen dort Kirchen, die letzte baute man vermutlich um 1450. Doch nur wenige Jahrzehnte später machten sich die Dörfer Seewis und Fanas selbstständig, errichteten ihre eigenen Kirchen im Dorf, und innerhalb weniger Jahrzehnte zerfiel Solavers zur Ruine. Gras wächst über die Trümmer, jetzt im September steht es besonders hoch. Es gibt einen Vorgeschmack, wie es aussehen könnte, wenn die heutigen Kirchen eines Tages nicht mehr denkmalgeschützt und steuersubventioniert werden.

Verschwundene Kirchen

Elf Kirchen im Prättigau gibt es heute nicht mehr. Sie standen in Schlappin, auf der Burg Castels, im Bad Fideris, in Schuders, Schiers (drei Kirchen), Fanas, auf Stürfis (hinter Seewis), Fracstein in der Chlus und Solavers.

Verschwundene Kirchen

Elf Kirchen im Prättigau gibt es heute nicht mehr. Sie standen

in Schlappin, auf der Burg Castels, im Bad Fideris, in Schuders, Schiers (drei Kirchen), Fanas, auf Stürfis (hinter Seewis), Fracstein in der Chlus und Solavers.