«Zig E-Mails gingen in den letzten Tagen hin und her», sagt Jan-Andrea Bernhard. Der reformierte Theologe beschreibt die Anspannung, die kurz vor der Veröffentlichung von «clom» herrscht. «Clom» ist Sursilvan und bedeutet «Ruf». Zusammen mit dem katholischen Theologen Andri Casanova ist Bernhard ein kleiner Coup gelungen: Sie sind Projektleiter des ersten ökumenischen Gesangbuchs auf Sursilvan und Sutsilvan. Es erscheint pünktlich zu Pfingsten.
Viel Freiwilligenarbeit
Ein Unterfangen, das gar nicht so naheliegend ist. Denn die Surselva ist traditionell überwiegend katholisch geprägt. Da aber auf katholischer wie auf reformierter Seite die Zeit reif war, die Gesangbücher zu erneuern, hatten Bernhard und Casanova die Idee, sich zusammenzuschliessen. «Ich habe Jan-Andrea vor Jahren in einer E-Mail angefragt, ob er sich vorstellen könne, dass wir ein ökumenisches Gesangbuch herausgeben», sagt der gebürtige Vriner Andri Casanova. Der Wahl-Oberländer Bernhard mit einer grossen Affinität zu Sprache und Kirchengeschichte war sogleich begeistert.
Nicht klar, worauf man sich einlässt
«Allerdings wussten wir damals noch nicht, worauf wir uns einlassen», sagt Bernhard. Damit spielt er auf Herausforderungen an, die Zeit kosteten. Institutionen, sprich die beiden Kirchen, mussten einverstanden sein. Es galt die Finanzierung zu stemmen und die Frage zu klären, welche Lieder und Texte ins neue Buch aufgenommen werden.
Mit der Zeit gehen
Warum das alles, wo doch die Zahlen der Gottesdienstbesucher eher abnehmen? «Wir gehen mit der Zeit. Mit ‹clom› wollen wir ein Gesangbuch in den sur- und sutselvischen Sprachregionen zur Verfügung stellen, das die heutigen und die kommenden Generationen anspricht und Basis für weitere und neue Gemeinschaft geben kann, ein Buch wie ein Daheim», nennt Bernhard den Anspruch der beiden Herausgeber.
Frauen wählten den Namen
Dafür arbeiteten die Projektleiter mit einer Gruppe von 30 Personen zusammen, die sich aus Linguistinnen, Theologen, Organisten und anderen Musikerinnen zusammensetzte. Für die Ausgabe von «clom» investierten alle grösstenteils ihre Freizeit. Besonders wichtig war Casanova und Bernhard, Frauen in den Entstehungsprozess miteinzubeziehen. Der Name «clom» ist zum Beispiel aus Frauenhand.
Nur ein Lied ist doppelt
Besonders ist auch, dass die Lieder von Katholiken und Reformierten gleichermassen gesungen werden können. «Das Buch ist für den unspezifischen Gebrauch», sagt Bernhard, was so viel heisst wie geeignet für alle Anlässe – in der Schule oder bei einem Volksanlass. «Nur ein Lied ist doppelt», sagt Andri Casanova, «Grosser Gott, wir loben dich». Denn in reformierter Tradition beginnt es mit: «O grond deus, nus tei ludein» und katholisch mit: «Tutpussent altissim Diu». Ansonsten haben es neue Lieder in das Buch geschafft, Texte wurden vertont, Taizé-Lieder und sutselvische Kompositionen aufgenommen, was zu gesamthaft 628 Nummern führt.
Unterstützung der Kirchen
10 000 Exemplare und 300 Orgelbücher werden aufgelegt. Auf ungefähr 170 000 Franken belaufen sich die Kosten. Neben den Landeskirchen und Stiftungen hat auch der Kanton einen Werkbeitrag von 10 000 Franken für das Projekt gesprochen. Den ökumenischen Ritterschlag erhält «clom» mit einem Vorwort beider Kirchenleitenden.
Bischof unterstützt clom
So schreibt Bischof Joseph Maria Bonnemain auf Anfrage: «Seit Beginn meines Wirkens als Diözesanbischof habe ich die Entstehung des ökumenischen surselvischen Gesangbuchs ‹clom› unterstützt. In der heutigen Weltlage ist es wichtiger denn je, dass wir Christinnen und Christen mit vereinter Stimme die Frohbotschaft verkünden.»
Vernissage an Pfingsten
Andri Casanova freut sich über die Offenheit des Bischofs gegenüber dem ökumenischen Projekt. «Mit den Vorgängern war es nicht so unkompliziert», erinnert er sich.
Auch die reformierte Kirchenratspräsidentin Erika Cahenzli unterstützt «clom»: «Das ökumenische Kirchengesangbuch ist ein gelungenes Projekt und ein starkes Zeichen für die Einheit der Christen in einer sich wandelnden Welt.»
An Pfingsten gibt es eine Vernissage von «clom» in verschiedenen Gottesdiensten.
