Durch die Arbeit mit dem Boden gereift

Ökologie

Vor vier Jahren hat Martin Frei seinen Job als Nachhaltigkeitsanalyst eingetauscht gegen ein Leben als Bauer. Die Arbeit sei streng, aber sinnstiftend. 

Zart und rosarot blühen die Mandelbäumchen, die entlang des Feldwegs wachsen. Noch reichen sie Martin Frei, der sie vor wenigen Monaten eigenhändig gesetzt hat, bis knapp zur Brust. Bis sie Früchte tragen, wird es noch ein Weilchen dauern. Der Jungbauer geht davon aus, in rund fünf Jahren erstmals Mandeln aus eigener Ernte im hofeigenen Laden verkaufen zu können. Neben Baumnüssen, Haferflocken, Chiasamen und vielen anderen Produkten, die bereits heute vom Hof Rinderbrunnen stammen. 

Weniger Ackerland für den Tierfutteranbau nutzen, das will Martin Frei auf seinem Hof. So sieht es auch die Klimastrategie des Bundes für 2050 vor. «Wir produzieren auf unserem Land rund 30 verschiedene Nahrungsmittel für die Leute in der Region», sagt er beim Rundgang über die sanft geschwungenen Wiesen und zeigt, wo bald Linsen spriessen werden, auch sie ein Nischenprodukt. Hülsenfrüchte und Nüsse in Schweizer Supermärkten sind heute grösstenteils importiert. 

Innovativ und realistisch 

Im Gespräch wird klar, dass Frei für innovative Ideen brennt und trotzdem stets auf dem Boden der Wirklichkeit steht. Dabei hilft ihm sein früherer Beruf als Nachhaltigkeitsanalyst bei einer Privatbank. Durch seine Frau Judith, die er vor acht Jahren kennengelernt hat, wurde seine Interesse an der Landwirtschaft geweckt. Die Umweltwissenschaftlerin ist hier im Zürcher Oberländer Dorf Grüt aufgewachsen. 

Als die Schwiegereltern den Betrieb altershalber abgeben wollten, war für Frei klar, dass er einsteigt. «Hier konnte ich praktisch umsetzen, womit ich mich bisher theoretisch befasst hatte.» Judith sei erst skeptisch gewesen, erinnert sich der 33-Jährige und lächelt. «Sie wusste bereits, was es bedeutet, einen Hof zu führen. Ich war um einiges naiver.» Nachdem Frei, ganz der Betriebswirt, die Pläne durchgerechnet hatte, machte er zusammen mit Judith landwirtschaftliche Ausbildungen und baute den konventionellen Ackerbaubetrieb in einen modernen biologischen Hof um. Auch ein grosser Selbstbedienungsladen für die eigenen Produkte sowie solche von regionalen Herstellern gehört mittlerweile dazu. 

Frei ist überzeugt, den richtigen Weg zu gehen, auch wenn der Alltag anstrengend sei, man mit Landbau kaum Geld verdiene und wenig Zeit bleibe für Hobbys. Einzig Unihockey spiele er weiter. «Beim Hofprojekt ist viel Idealismus dabei.» 

Vermietete Gemüsebeete 

Doch der Blick verändere sich, wenn man mit dem Boden arbeite, und die Verwurzelung tue ihm gut, sei Teil eines Reifungsprozesses. «Früher bin ich viel gereist und war sehr freiheitsliebend. Heute plane ich langfristig, übernehme Verantwortung.» Zum Beispiel in der örtlichen Kirchenpflege. Sein christlicher Glaube ist Frei wichtig, er sei die Motivation für das, was er tue. 

Wir müssen wieder lernen, die Schöpfung zu achten und mit ihr zu arbeiten.

Frei öffnet die Türe zum kleinen Holzhaus neben den Gemüsebeeten, wo noch Rosenkohl vom Vorjahr wächst. Auf einem Gestell liegt allerlei Gartenwerkzeug, daneben ein Tisch, Stühle, ein grüner Kindertraktor, ein Grill. Hier gehen von März bis Oktober rund 50 Leute ein und aus. Sie haben auf dem Rinderbrunnen ein bepflanztes Gartenbeet gemietet, das sie selber ernten und, je nach Vereinbarung, regelmässig jäten. «Ein Grossteil sind junge Familien. Manche verbringen den ganzen Sonntag hier», freut sich Frei. Es ist sein Wunsch, mehr Leben ins Dorf zu bringen. 

Mit dem Projekt, das von der reformierten Kirche mit einem einmaligen Beitrag unterstützt wurde, wollen er und seine Frau dazu beitragen, dass die Leute einen Bezug zur Nahrung bekommen, die sie essen. Viele seien durch die heutige Lebensweise weitgehend entkoppelt von der Natur. «Wir müssen wieder lernen, die Schöpfung zu achten, zu bewahren und mit ihr zu arbeiten», sagt Frei.

www.rinderbrunnen.ch