Werte sind kein Besitz, der verteidigt werden kann. Werte müssen gelebt werden, sonst sind sie tot. In einer sich verändernden Gesellschaft sind sie nicht in Stein gemeisselt, im demokratischen Prozess wird darum gerungen.
Was unverhandelbar ist
Wenn Werte verhandelt werden, wie es im Abstimmungskampf zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» geschieht, gilt es die christliche Perspektive einzubringen. Die Kirche steht auf einem Wertefundament, das es zwar stets neu zu befragen und zu interpretieren gilt, dessen Kern jedoch unverhandelbar ist: Das Evangelium stellt sich auf die Seite der vulnerablen, schutzsuchenden Menschen und steht ein für die unverbrüchliche Würde jedes Menschen.
Deshalb haben kirchliche Stimmen etwas zu sagen, wenn Zugehörigkeit und Bleiberecht von einer Bevölkerungsgrenze in der Verfassung abhängig gemacht werden sollen.
Angst macht wachsam
Das Bevölkerungswachstum stellt Politik und Gesellschaft vor grosse Aufgaben. Das gilt für Verkehrsinfrastruktur und Flächenverbrauch wie für Bildungswesen und Integrationsarbeit. Die Angst vor dem Scheitern und dass alles zu viel oder sogar der Wertekonsens brüchig wird, ist real. Geschürte Angst macht blind. Angst macht aber auch aufmerksam.
Die biblische Botschaft ermutigt dazu, nicht bei der Furcht stehen zu bleiben, sondern aufeinander zuzugehen. So wie es unzählige Kirchgemeinden tun mit Deutschkursen für Geflüchtete oder Mittagstischen, an denen Expats erste Kontakte knüpfen.
Doppelt bedroht
Werte zu beleben und zu schützen, ist eine gemeinschaftliche Herausforderung. Sie sind bedroht durch religiösen Fanatismus und abgeschottete Milieus, in denen patriarchale Strukturen die Gleichstellung ersticken.
Zugleich sind sie gefährdet durch Kräfte, die eine Gesellschaft durch simple Schuldzuweisungen spalten wollen. Und sie stehen auf dem Spiel, wenn eine Zahl in der Verfassung definiert, wann das Boot voll ist und die Humanität über Bord zu gehen droht.
