Das klingt, als ob der Rat die Initiative eigentlich ablehnt, aber keine Lust mehr hat, sich in einem migrationspolitischen Abstimmungskampf zu exponieren.
Mit Unlust hat das überhaupt nichts zu tun. Vielmehr geht es um eine politische Debatte, über die wir jetzt gerne sprechen können. Der Rat hat entschieden, auf eine Abstimmungsparole zu verzichten. Er bezweifelt jedoch keineswegs, dass die Fragen, die hinter der Initiative stehen, ethisch, gesellschaftspolitisch und auch theologisch höchst relevant sind.
Welche höchst relevanten Fragen stellt die Initiative denn?
Wie sprechen wir über Migration? Welches Menschenbild liegt hinter politischen Steuerungsinstrumenten? Wie bewahren wir unsere humanitäre Tradition? Wie gehen wir mit einem Integrationssystem um, das an Grenzen stösst? Diese Herausforderungen beschäftigen uns als Gesellschaft und auch als Kirche schon seit längerer Zeit. Die Antworten, welche die Initiative gibt, sehe ich kritisch. Eine maximale Bevölkerungszahl in der Verfassung löst die komplexen Probleme bestimmt nicht.
Aber wenn ein System wegen der Zuwanderung offenbar an Grenzen stösst, liegt eine Begrenzung der Immigration doch nahe.
Die Initiative nennt lediglich die Verweigerung des Familiennachzugs als konkrete Massnahme, wenn die Einwohnerzahl auf 9,5 Millionen steigt. Über das Asylsystem wandern aber nur 13 Prozent aller Migrantinnen und Migranten ein. Der wahre Treiber des Bevölkerungswachstums ist die Arbeitsmigration. Deshalb ist die Fokussierung auf die Flüchtlingspolitik problematisch. Ich bedaure sehr, dass kein Gegenvorschlag zustande kam, der auf die brennenden Fragen differenzierter eingegangen wäre.
Wenn Sie einem Gegenvorschlag nachtrauern: Müsste die Schweiz die Zuwanderung stärker steuern und bremsen?
Natürlich muss jede Gesellschaft die Zuwanderung steuern. Ein Staat braucht die Kontrolle darüber, wer sich auf seinem Gebiet niederlässt.
Dass Zuwanderung gesteuert werden muss, ist unbestritten. In der Schweiz niederlassen darf sich ja nur, wer Arbeit findet oder Asyl erhält. Deshalb die zugespitzte Frage: Kommen zu viele Migrantinnen und Migranten in die Schweiz?
Ich verstehe jene Menschen, die Angst haben und sagen, dass zu viele Migranten kommen. Von 2011 bis 2024 sind 2,5 Millionen Menschen in die Schweiz zugewandert, geblieben sind rund 1,5 Millionen. Die soziokulturelle und religiöse Zusammensetzung unserer Gesellschaft verändert sich rasant. Damit müssen wir umgehen. Dass diese Veränderungen überfordern und die Sorge wecken, ob wir unsere kulturellen Errungenschaften bewahren können und unsere Integrationsfähigkeit im Bildungswesen und im politischen System nicht überdehnt wird, kann ich nachvollziehen. Wir müssen diese Ängste ernst nehmen.
Indem die Politik dafür sorgt, dass in den nächsten 13 Jahren nicht nochmals 1,5 Millionen Menschen kommen?
Nein. Aber wir müssen darüber reden, dass aufgrund der Verträge mit der Europäischen Union auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zuwandern, die schlecht integriert sind, weil es Staaten gibt, die niedrigere Standards haben bei der Einbürgerung als die Schweiz. Zudem sind die Auswirkungen der Arbeitsmigration auf die überlastete Verkehrsinfrastruktur und den ausgetrockneten Wohnungsmarkt offensichtlich. Dafür brauchen wir aber andere Lösungen als eine Bevölkerungszahl in der Verfassung.