Die Kirchen sind zersplittert. Um daran zu erinnern, dass das Evangelium dennoch Einheit stiftet, wurde 1966 eine Gebetswoche eingeführt. Ökumenische Gottesdienste und Veranstaltungen zeigen vom 18. bis 25. Januar die Vielfalt des Glaubens, berühren mit liturgischem und sprachlichem Reichtum. Diesmal hat die Armenisch-Apostolische Orthodoxe Kirche die Liturgie gemeinsam mit der Armenisch-Katholischen und der Evangelischen Kirche entwickelt.
Die Stimme der Stimmlosen
Viele armenische Christen leben in der Diaspora. Ihre Identität ist geprägt von der Erinnerung an den Völkermord, den jungtürkische Truppen im Ersten Weltkrieg an Armeniern und Armenierinnen verübt haben. Zuletzt wurden armenische Christen aus Bergkarabach vertrieben. Zugleich engagieren sich armenische Gemeinden in Diakonie und Bildung. Im krisengeschüttelten Libanon wirken die evangelischen Gemeinden, mit denen das Hilfswerk Heks zusammenarbeitet, damit weit über die eigene Gemeinschaft hinaus.
Solidarität mit bedrängten und verfolgten Christinnen und Christen tut not. Kirche reicht über konfessionelle und geografische Grenzen hinweg. Mir bleibt in Erinnerung, wie der armenische Erzbischof Vicken Aykazian im vergangenen Frühling an einer Tagung in Bern ihren Auftrag beschrieb: «Ich gebe den Stimmlosen eine Stimme und spreche im Namen der Menschlichkeit.» Das ist für mich ein Wesensmerkmal, das alle Kirchen einen sollte: Sie erheben die Stimme, wenn die Menschlichkeit bedroht ist.
Während christliche Gemeinden unter Repression und Diskriminierung leiden, gibt es zugleich Kräfte, die das Christentum für ihre nationalistische Agenda missbrauchen. Sie legitimieren ihre Politik der Ausgrenzung mit meiner Religion. Da kann ich nicht sagen: «Das geht mich nichts an.» Mit dem Aufruf zur Einheit ist der Auftrag verbunden, sich kritisch mit der eigenen Religion und Diskriminierungen in der eigenen Gemeinschaft auseinanderzusetzen.
Dabei geht es nicht um bequeme Abgrenzung, sondern darum, in der Ökumene und in der eigenen Kirche die unbequeme Auseinandersetzung zu suchen, für die der gemeinsame Glaube das tragfähige Fundament bildet. Auf dass in den Kirchen und über sie hinaus jene Geistkraft wirksam werden kann, von welcher der Bibelvers erzählt, der im Zentrum der Liturgie der Gebetswoche zur Einheit der Christinnen und Christen steht: «Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung» (Eph 4,4).
