Spektakuläre Zeitreise ins Spätmittelalter

Geschichte

In Konstanz holt ein neues Panoramabild die Lebenswelt während des Konzils, das von 1414 bis 1418 stattfand, in die Gegenwart. Das Werk verblüfft durch seinen Detailreichtum. 

Dreieinhalb Jahre lang war Konstanz der Nabel der christlichen Welt. So lange dauerte das Konzil, das Anfang des 15. Jahrhunderts das grosse abendländische Schisma mit drei verschiedenen Päpsten beendete. Die Stadt am Bodensee war somit Bühne einer der wegweisendsten kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der Geschichte. 

In einer Ausstellung wird diese Zeit nun spektakulär in Szene gesetzt: Ein 32 Meter hohes und über 110 Meter langes 360-Grad-Rundbild erhellt die Ereignisse zwischen 1414 und 1418. Der deutsche Künstler Yadegar Asisi und sein Team bedruckten dafür 3500 Quadratmeter Polyesterstoff. Das Panorama öffnete Mitte September in einem Neubau am Stadtrand seine Tore. 

Von Sitten und Gebräuchen

Das Rundbild am Bodensee ist Asisis drittes Werk dieser Art, das sich mit der Historie des Christentums befasst. So bettete er in Pforzheim mit der Installation «Rom 312» bereits Kaiser Konstantins Kreuz-Vision und den Beginn des Aufstiegs des Christentums zur Staatsreligion in seine Arbeit ein. Und in Wittenberg bannte der in der DDR aufgewachsene Sohn iranischer Eltern mit «Luther 1517» die Vita des deutschen Reformators auf Stoff. 

Die bis heute aktuelle Frage nach der Verzahnung von religiöser und politischer Macht beschäftigte Asisi schon immer. Nun also widmet er sich dem Konzil von Konstanz. 

2018 begannen die Arbeiten. Begleitet wurden sie unter anderem von Fotografen, die in zahlreichen Shootings jede einzelne Szene auf dem Bild mit echten Schauspielerinnen und Schauspielern, Laiendarstellerinnen und Statisten aufnahmen. Natürlich griff Asisi auch auf das Wissen von Historikern und Historikerinnen zurück.

«Wir versuchen immer, so nahe wie möglich an den Erkenntnissen der Wissenschaft zu bleiben», sagt Asisi beim Pressetermin am Tag vor der Eröffnung des Panoramas. Als Quellenbasis für das Konstanzer Bild dienten hauptsächlich die umfangreichen Aufzeichnungen des Konzil-Zeitgenossen und Konstanzers Ulrich Richental. 

Aufwendige Recherchen

Asisis Panorama bildet dabei nicht einfach nur die zentralen und geschichtlich relevantesten Momente der Tagung ab, wie das Eintreffen Kaiser Sigismunds, der Fluchtversuch von Papst Johannes XXIII., die Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus oder die eigentliche Papstwahl. Die höchst präzisen Beschreibungen Richentals erlauben eine spannende Abbildung von Sitten, Gebräuchen und sozialen Bedingungen im Spätmittelalter. 

Das Panorama verdichtet unzählige Aspekte in einem Gesamtwerk. Es gibt nicht einen einzelnen Punkt im Zeitstrahl wieder, sondern viele Momente und Impressionen aus den dreieinhalb Jahren. 

Die vielen abgebildeten Alltagsgeschichten verblüffen. Die künstlerische Freiheit ermöglichte ein buntes historisches Spektrum. Dort färben Gerber Leder oder verkaufen Bäcker auf mobilen Backstuben ihre Brote, und da spielen Kinder im Matsch der ungepflasterten Strassen, anderswo preisen Händler ihre Waren an oder servieren Wirtinnen ihren Gästen Speis und Trank.

«Ich glaube, dass das Bild, das wir geschaffen haben, ziemlich nah an die Lebensrealität dieser Zeit herankommt», sagt Asisi. Man habe dabei genaustens recherchiert, wie zur damaligen Zeit gebaut wurde, wie Instrumente aussahen oder welche Werkzeuge Handwerker benutzten. Und das ist es, was dieses Panoramabild ausmacht. Das Werk vermittelt zwar einiges an Wissen über das Konzil. Eine entsprechende, wenn auch etwas gar klein gehaltene Broschüre verweist auf bestimmte Orte im Bild und erläutert dazu die historischen Ereignisse und Hintergründe. Die Höhepunkte sind für die Betrachter aber die Alltagsszenen. 

Die Stadt bei Tag und Nacht 

Angelegt ist das Panorama als multimediales, immersives Erlebnis. Nach einem klassischen Ausstellungsteil zum Konzil und dessen Vorgeschichte im Erdgeschoss taucht das Publikum in den zylinderförmigen Raum ein. Ein 15 Meter hoher Turm in der Mitte lädt dazu ein, sich dem Werk auf fünf Plattformen zu nähern.

Wer möchte, besorgt sich beim Eingang einen Feldstecher, um die unfassbar zahlreichen Details noch besser zu studieren. Asisi lässt es mittels Lichtsimulation im 15-Minuten-Takt Tag und Nacht werden im Konstanz des Spätmittelalters. Auch die Jahreszeiten wechseln. Dazu ertönt Musik des Komponisten Eric Babak. 

Wer sich tiefer und mit dem Auge des Hobbyhistorikers oder der Hobbyhistorikerin mit dem Bild beschäftigen möchte, ist mit der genannten Broschüre allerdings spärlich bedient und mit dem grossen Rest des zu Entdeckenden ein wenig allein gelassen. Daher lohnt es sich, die 45-minütigen Führungen mitzumachen, die mehr Infos zu den Details liefern, allerdings extra kosten. Abhilfe soll in Zukunft auch ein Audioguide schaffen, der aber noch in Arbeit ist.

Panorama Konstanz. Täglich, 10–18 Uhr. Eintritt: € 18.50, ermässigt € 16.50, Kinder € 10.-. Täglich vier Führungen. www.panorama-konstanz.de