Bettina Hahnloser, Journalistin und Autorin. (Foto: Annette Boutellier)
«Lieber Herr Bäumlin, was hat uns die Bibel noch zu sagen?»
Die Bibel zu lesen und zu verstehen, ist nicht immer einfach. Der Theologe Klaus Bäumlin beantwortet die persönlichen Fragen von Journalistin Bettina Hahnloser und gibt Lesetipps.
Bettina Hahnloser bat Klaus Bäumlin um Hilfe beim Verstehen der Bibel. (Foto: Annette Boutellier)

«In der Bibel lässt mich vieles ratlos zurück»
«Lieber Herr Bäumlin, die Bibel mit ihren jahrtausendealten Texten sei ein spannendes und wertvolles ‹Tagebuch der Menschheit›, schreiben Carel van Schaik und Kai Michel im gleichnamigen Buch. Allein wer sich für die Evolution der menschlichen Kultur interessiere, solle sie lesen. Nebst dem, dass die Bibel nur eine kurze Epoche in der Menschheitsgeschichte abdeckt, stellt sich mir beim Blättern in der Bibel aber die Frage: Hat sie dem modernen Menschen noch etwas zu sagen?
Widersprüchliches zuhauf
Auch wenn die Bibel im historischen Kontext gelesen wird: Vieles mutet sonderbar an und lässt mich ratlos zurück. Etwa die Geschichte um Hananias und Saphira, das Ehepaar, das Land verkaufen und das Geld der Gemeinde spenden wollte. Als bemerkt wurde, dass Hananias ein wenig davon für sich selbst zurückbehielt, fiel nebst ihm auch seine unschuldige Gemahlin tot um.
Lässt sich selbst hier ein Bogen schlagen zu der Gegenwart? Oder brauchen wir beim Bibellesen – sofern wir nicht Theologie oder Philosophie studiert haben – zwingend eine Auslegehilfe? Einander widersprechende Deutungen von Bibelstellen gibt es zuhauf. Wie sollen da Christinnen und Christen – die mehrheitlich keine höhere Bildung oder kaum Zeit für eine tiefere Beschäftigung mit den Texten der Bibel haben – die Grundlage ihres Glaubens nachvollziehen können? Bedarf es überhaupt einer gegenständlichen Geschichte, um zu glauben?
Die Auferstehung Jesus Christi steht im Zentrum des Christentums. Kann auch sie heute als Gleichnis verstanden werden – oder würde damit aus Ihrer Sicht das Fundament des Christentums wegfallen?
Die Bibel ist voll von Widersprüchen, Grausamkeiten und Fehlern. Besonders im Alten Testament gibt es von Gott oder in seinem Namen verübte Taten, die sich mit unserem moralischen Kompass nicht vereinbaren lassen. Wenn Gläubige heute ihre Moral aus der Bibel ableiten, müssten sie da nicht 2000 Jahre gesellschaftlicher Entwicklung ignorieren oder als falsch ansehen?
Frauen am Rande
Frauen kommt in der Bibel eine begrenzte Rolle zu, obwohl gerade sie Jesus am Kreuz begleiteten, ihn am Grab aufsuchten und Hoffnung verbreiten. Wie, Herr Bäumlin, konnte sich aus der Jesusbewegung, innerhalb derer Männer und Frauen gleichgestellt waren, eine männerdominierte Kirche entwickeln?
Und was raten Sie Bibelunkundigen: Welches Buch sollte man zuerst lesen?»
Bettina Hahnloser
Klaus Bäumlin, pensionierter Pfarrer und Autor. (Foto: Annette Boutellier)
«Die Bibel erzählt unsere menschliche Geschichte»
«Liebe Frau Hahnloser, es sind völlig andere Bedingungen, unter denen die Menschen aus den alten biblischen Geschichten und die von heute lebten und leben. Jedoch sind sie durch elementare Eigenschaften über Jahrtausende und alle kulturellen und zivilisatorischen Unterschiede hinweg miteinander verbunden: Liebe und Hass, Hoffnung und Resignation, Mut und Angst, Zuversicht und Verzweiflung, Gewissheit und Zweifel.
Die Menschen von heute leben – wenigstens in unseren Breitengraden – um Jahrzehnte länger als ihre Vorfahren. Doch sterblich sind wir alle. Von dieser gemeinsamen menschlichen Natur erzählen die biblischen Geschichten mit einem grossen Realismus: Wir können uns in ihnen wiedererkennen; die Bibel erzählt unsere Geschichte.
Übersetzungshilfen empfohlen
Manches, was wir in der Bibel lesen, lässt uns zunächst ratlos zurück. Wir sollten es im Zusammenhang lesen. Da kann eine ‹Übersetzungshilfe› gute Dienste leisten. Mein kleines Buch ‹Die Bibel als geselliges Buch heute lesen› möchte eine solche Hilfe sein.
In der Bibel gibt es Geschichten, die von Gewalt erzählen. Doch lese ich im Alten und im Neuen Testament auch von einer ständigen Auseinandersetzung mit Gewalt: Sie wird begrenzt und überwunden bis hin zum vollständigen Gewaltverzicht Jesu. Sind heutige, eigene Moralvorstellungen geeigneter für ein friedliches Zusammenleben als die Zehn Gebote oder die Anweisung zur Nächsten- und Feindesliebe?
Jesus war für Gleichstellung
Die Bibeltexte schrieben Männer, und sie tragen die Spuren einer patriarchalen Gesellschaft. Doch tauchen darin vielfach starke, selbstbewusste Frauen auf, die die männlich dominierten Verhältnisse durchbrechen. Paulus schrieb in seinem Brief an die Galater: In Christus – und also auch in der christlichen Gemeinde – ‹ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.›
Dass sich die Gleichstellung von Mann und Frau in der Kirche nicht durchsetzte, ist nicht der Bibel zuzuschreiben, sondern den weiterhin patriarchalen Strukturen der Kirche. Sie war in diesem Punkt also nicht jesusgemäss.
Die Auferweckung Jesu ist für mich mehr als ein Gleichnis. Sie ist das Zeichen für die Kraft Gottes, die stärker ist als der Tod.
Bibelunkundigen empfehle ich, als Erstes das Markusevangelium zu lesen.»
Klaus Bäumlin
Das Stimmengewirr der Bibel verstehen
Klaus Bäumlin, Theologe und Autor, führt in seinem grundlegenden Band der Buchreihe «Bibel heute lesen» ein in die Bibel als Buch von verschiedenen Stimmen, Autoren und Redaktoren, die sich keineswegs immer einig waren. Der Band bietet einen Überblick über das Alte und das Neue Testament, die Entstehung der Bibel, die Auswahl der darin vertretenen Bücher und die Vielfalt der darin enthaltenen literarischen Gattungen. Bäumlin behandelt insbesondere auch Widersprüche zwischen Neuem und Altem Testament und zeigt, wie die mannigfachen Stimmen doch zusammenfliessen – in das Bekenntnis zum einen Gott.
Geselliger Abend mit Klaus Bäumlin
Am Donnerstag, 12. Februar, um 19.30 Uhr lädt der Freundeskreis Voirol zu einem Gesprächsabend mit Klaus Bäumlin zu seinem neuen Buch (gratis, ohne Anmeldung). Der Anlass mit Livemusik und Apéro findet im Kirchgemeindehaus am Nydeggstalden 9 in Bern statt.
Weitere Infos hier.