Das Helfen hilft ihr, Vorurteile abzubauen

Ehrenamt

Sandra Schäfer schreibt für Menschen, die es selbst nicht können. Dabei setzt sie sich gerne Unbekanntem aus und lernt selbst dazu. 

Noch ist es ruhig in den Räumen des «Schreib-Service d’écriture» in der Nähe des Bahnhofs Biel. Schon bald wird er seine Türen öffnen für Menschen, denen es schwerfällt, Deutsch oder Französisch zu schreiben oder einen Text in diesen Sprachen zu verstehen. Auch wer keinen Zugang zu einem eigenen Computer oder einem Drucker hat, ist bei dem Verein an der richtigen Adresse.

Viele der Klienten und Klientinnen haben ausländische Wurzeln. 40 Freiwillige, die sich für den Verein engagieren, helfen ihnen, einen Brief zu verstehen. Sie unterstützen sie auch bei der Beantwortung von Schreiben oder verfassen mit ihnen zusammen eine Bewerbung und füllen Formulare aus. 

Es ist mir ein inneres Anliegen, zu helfen und zu unterstützen, es erfüllt mich mit Zufriedenheit.
Sandra Schäfer, Freiwillige «Schreib-Service d'écriture»

Sandra Schäfer aus Meinisberg zählt zu den freiwilligen Helferinnen und Helfern. Sie hat sich an einem von drei grossen Tischen in einem hellen Raum eingerichtet. Viel Material für ihren Einsatz braucht sie nicht: Laptop, Stift, das grosse Druck- und Kopiergerät im Foyer. 

Begeisterung für den Sport 

Einmal pro Monat ist die 56-Jährige im Einsatz. «Es ist mir ein inneres Anliegen, zu helfen und zu unterstützen, es erfüllt mich mit Zufriedenheit.» Sie strahlt, als sie von ihren vielen freiwilligen Engagements erzählt. Neben dem Schreibservice ist sie auch für Pro Senectute, Nez Rouge oder an Sportwettkämpfen aktiv. «Ich lerne dabei viele Menschen kennen und erlebe immer wieder Neues.» Der Umgang mit unterschiedlichen Leuten, dabei spontan und flexibel sein: Das reizt sie. 

Diese Eigenschaft hat sie bewogen, beim Schreibservice mitzumachen. Sie räumt ein: «Ich war früher distanziert gegenüber Leuten aus anderen kulturellen Kontexten und Migration im Allgemeinen.»

Ich bin immer neugierig, ob ich schaffe, was ich mir vorgenommen habe.
Sandra Schäfer, Sportbegeisterte

Als mit dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Bauverwalterin 2019 das Lernen wegfiel, suchte sich Schäfer eine neue Herausforderung. So fand sie den Schreibservice. Sie hoffte dort auf die Gegelenheit, «meine Vorbehalte zu ergründen und sie vielleicht abzubauen».

Am liebsten am Limit 

Grenzen auszuloten, gefällt Schäfer. Auch in ihrem Beruf wolle sie für ihre Kundinnen und Kunden das Optimum aus den Baureglementen herausholen. Und auch im Sport geht sie am liebsten ans Limit. Sie fährt Mountainbike und fährt mit dem Trekkingvelo bis ans Mittelmeer, sie überquert zu Fuss die Alpen und nimmt an Langstreckenwettkämpfen teil. «Ich bin immer neugierig, ob ich es schaffe.» 

Ihre letzte Herausforderung war ein zweimonatiger Einsatz in Uganda letztes Jahr. In einem Dorf half sie, einen Wasserturm und eine Solaranlage zu bauen. Sie betonierte, armierte und hob Gräben aus. 

So robust Schäfer auch ist, so versteckt sie ihre feinen Seiten nicht. Schon äusserlich wirkt sie nicht wie die abenteuerlustige Person, die sie ist. Die zierliche Frau kleidet sich elegant und dezent, spricht ruhig, eher leise, denkt oft länger nach, bevor sie antwortet. Dieser Wesenszug sei ihr ebenso wichtig wie die Fähigkeit, anzupacken. 

Immer eine neue Geschichte 

Inzwischen hat der Schreibservice geöffnet. Schon nach kurzer Zeit ist das Foyer mit wartenden Hilfesuchenden gefüllt. Alle Freiwilligen sind bereits bei der Arbeit. An Schäfers Tisch hat ein junger Mann Platz genommen, er spricht gebrochenes Deutsch. Sie hilft ihm, am Mobiltelefon ein Formular auszufüllen, und druckt es dann für ihn aus. 

Auf wen Schäfer bei ihrem Einsatz trifft, weiss sie nie. Sie hat ihre Vorurteile gegenüber fremdländischen Menschen inzwischen revidiert. Es gebe schon solche, die vor allem profitieren wollten, sagt sie zwar. «Doch viele bemühen sich echt und haben eine schwierige Reise hinter sich.» Sie habe gelernt, unvoreingenommen zu sein, statt in Klischees zu denken. «Man weiss ja nie, welche Geschichte hinter einem Menschen steckt.»