Im Gespräch

Ökumene

Felix Reich und Veronika Jehle treffen sich regelmässig zum gemeinsamen Nachdenken. Im Podcast «Stammtisch» diskutieren sie gesellschaftliche Fragen ohne fertige Antworten.

Seit diesem Januar ist der Podcast «Stammtisch» neu aufgestellt. Alle zwei Wochen diskutieren Veronika Jehle, Co-Leiterin des katholischen Pfarrblatts «Forum», und der Redaktionsleiter von «reformiert.», Felix Reich, aktuelle gesellschaftlich relevante Themen. Die Gespräche erscheinen auf der Plattform «Reflab» und bringen gezielt zwei konfessionell geprägte journalistische Perspektiven an einen Tisch. 

Freude am Nachdenken

Entstanden ist das Format aus einem persönlichen Austausch. «Wir haben immer wieder gemerkt, wie schnell wir in intensive Diskussionen eintauchen und wie schade es ist, dass dafür im Alltag oft die Zeit fehlt», sagt Jehle. Die Freude am gemeinsamen Nachdenken, am Ringen um Positionen und am gegenseitigen Zuhören liess den Wunsch entstehen, diesem Dialog ein eigenes Gefäss zu geben. 

Dass sich unterschiedliche Prägungen begegnen, ist kein Zufall. Beide sind im christlichen Glauben verwurzelt, zugleich aber neugierig auf das je andere, manchmal auch Fremde. «Der Dialog über die Konfessionsgrenze hinaus ist mir ein wichtiges Anliegen», sagt Reich.

Kirchenräume und Glocken

Die erste Folge begann mit einem schweren Thema. Eigentlich war ein anderes geplant, doch als Reich das Aufnahmestudio betrat, sagte er: «Das Unglück in Crans-Montana steht mir so zuvorderst.» So wurde die Brandkatastrophe spontan zum Auftakt. 

In der Episode geht es um politische Verantwortung, aber auch um die Frage, welche Rolle Kirchen in solchen Momenten spielen, öffentlich, medial und ganz konkret für betroffene Menschen.   Ein längerer Teil des Gesprächs dreht sich um Rituale. 

Reich spricht über den Gedenktag mit Glockengeläut und darüber, welche Kraft solchen Zeichen innewohnt: Kirchenräume, Glocken und vertraute Abläufe erreichten auch Menschen, die sonst kaum Zugang zu religiösen Formen hätten. Kirche schaffe Raum für Gedenken und Zusammenkommen, etwa auch bei der Gedenkfeier in Martigny. 

Reich schildert, dass in einer Predigt manchmal nur die Botschaft bleibt, dass angesichts des Schmerzes die Worte fehlen. Dennoch sei dieses Ringen um Sprachfähigkeit wichtig. «Von der katholischen Tradition können wir vielleicht lernen, wie wichtig eine tragende Liturgie ist.» Allerdings löse das Festhalten am Althergebrachten bei ihm auch ein Befremden aus, wenn ein Ritual lediglich vollzogen werde, statt auf die konkrete Situation einzugehen.

Eine kritische Stimme

Jehle erzählt, wie sie zunächst gar nicht hinterfragt hat, dass nach dem Unglück eine Messe gefeiert wurde. Erst in einem Gespräch mit einer reformierten Kollegin sei ihr bewusst geworden, wie stark liturgische Entscheide wirken können. «In solch ausserordentlichen Situationen könnte ein Bischof aber durchaus von einer Messfeier abrücken.» Allerdings fühle sie sich in der katholischen Tradition zu Hause. 

Der neu ausgerichtete Stammtisch zieht rein. Reich und Jehle sprechen nicht aus fixen Positionen heraus, sondern denken hörbar miteinander nach. Dass dabei keine einfachen Antworten entstehen, passt zu Jehle. Die ehemalige Spitalseelsorgerin ist in Österreich aufgewachsen und lebt heute in Zürich. In der Vergangenheit hat sie sich kritisch mit den kirchlichen Strukturen auseinandergesetzt. Aus Protest gegen die diskriminierenden Anstellungsbedingungen gab sie ihre bischöfliche Beauftragung zurück. 

Reich studierte Germanistik in Zürich und Berlin und arbeitete viele Jahre als Journalist beim «Landboten», bevor er 2012 die Leitung der Redaktion von «reformiert.» in Zürich übernahm. Er beschäftigt sich kontinuierlich mit Fragen von Kirche und Glauben, Religion und gesellschaftlicher Verantwortung. 

Der Stammtisch versteht sich als Ort des Nachdenkens, Abwägens, Zweifelns. Der Name des Podcasts ist Programm: Hier darf man sich eine Meinung sagen – und sie auch mal ändern.