Ein Juchzer aus lauter Dankbarkeit

Glauben

Die Unesco hat das Jodeln als immaterielles Weltkulturerbe der Menschheit anerkannt. Chorleiter und Pfarrer Stephan Haldemann spricht über die spirituelle Bedeutung des Gesangs.

Wenn Fabienne Jeitziner in der Natur ist, verspürt sie oft den Drang zu jodeln. «Ich jutze aus Dankbarkeit für die Schöpfung», sagt die 42-Jährige. An diesem Mittwochabend im Januar frönt sie ihrer Leidenschaft aber als Mitglied des Jodlerklubs Alpenrösli Münsingen. Dirigent Stephan Haldemann leitet die Probe im Saal des Kulturlokals Traube routiniert an, immer wieder platziert er einen humorvollen Spruch. 

Wo sich Kirche und Jodeln treffen

Haldemann trat mit 16 Jahren dem Chor bei und leitet ihn seit 36 Jahren. Das Jodeln ist sein grosses Hobby, von Beruf ist der gebürtige Münsinger Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Signau. 

Obwohl er, wie er sagt, im Chor ganz Dirigent und nicht Pfarrer sei, greifen beide Sphären ineinander. Aus einer Predigt zum Erntedank machte er etwa ein Jodellied, auch schrieb er Auftragskompositionen für die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn oder zum Reformationsjubiläum 2017 für die Aargauer Landeskirche. Mit dem Chor tritt er immer wieder in Kirchen und an Gottesdiensten auf, wie andere Jodelchöre auch. Und viele Jodellieder haben religiöse Inhalte. 

Musik als Ventil für Spiritualität

Jodeln und Spiritualität passen bestens zusammen. Doch warum? Musik und insbesondere der Gesang besitzen naturgemäss eine spirituelle Kraft. «Singen ist wie zweimal beten», zitiert Haldemann eine Aussage, die zu seinem Leitspruch geworden ist und sinngemäss auf den spätantiken Kirchenlehrer Augustinus von Hippo zurückgeht. Auch der Reformator Martin Luther soll den Satz zitiert haben. 

Der wortlose Jodel kann Sprachlosigkeit überbrücken.
Stephan Haldemann, Pfarrer und Jodler

«Für unsere Gefühle gibt es verschiedene Ventile, etwa die Sprache oder Tränen. Doch mit der Musik können wir uns noch stärker ausdrücken», sagt Haldemann. Auch, wenn es um die persönliche Spiritualität gehe. Deshalb sei Musik in der Kirche immer wichtig gewesen. Dass in den Kirchenräumen irgendwann auch Jodel erklang, sei logisch: «Das Volk hat seit jeher seine Kultur in die Kirche gebracht.» 

Für Haldemann ist der Jodel eine Musik, die ihm ganz besonders zu Herzen geht. Wichtig sei dabei, dass die Texte in Mundart seien. «Die Lieder sprechen meine Sprache.» Die Verse zeichneten sich zudem durch ihre Nähe zum Alltagsleben aus. 

Volkslieder spiegeln das Leben

«Ätti, sing mit mir»: Dieses Lied berührt die Jodlerin Fabienne Jeitziner besonders. Es handelt von einem Vater, der als Kind für seinen eigenen «Ätti» sang und auch als Erwachsener über den Tod des Vaters hinaus. Als er dann seinen eigenen Sohn singen hört, kommen ihm die Tränen. «In diesem Lied widerspiegelt sich der Kreislauf des Lebens», sagt Jeitziner. Und Ernst Bicker (66), der mit ihr im Chor singt, ergänzt: «Die Erfahrung, dass der Vater sogar nach dem Tod mit einem singen kann, hat doch viel mit Spiritualität zu tun.»

Die Volkslieder erzählen vom Leben und dem Sterben, der Heimat, singen das Lob der Schöpfung. «Alles Themen mit einer Verbindung zur Theologie», sagt Haldemann. 

Die Spiritualität liegt allerdings nicht nur in den Texten. «Auch der Jodel selbst erzählt etwas und bringt Emotionen zum Vorschein», sagt Bicker. Die Wirkung des wortlosen Jodels bestätigt auch Haldemann. Er überbrücke zuweilen die Sprachlosigkeit. «Der Ursprung des Jodels ist der Jutz, dieser wortlose Ausdruck der Freude.» 

Bicker, Jeitziner und Haldemann beobachten, dass Auftritte in Kirchen das Publikum auf eine spezielle Art berühren. Nicht nur wegen der Akustik: «Es hat etwas Andächtiges», sagt Jeitziner. Bicker berichtet von einem Auftritt, nach dem den Sängerinnen und Sängern wildfremde Leute vor Rührung um den Hals fielen. «In einer Turnhalle wäre das nicht passiert.»