Der unbequeme Heilige

Theologie

Franz von Assisi liebte die Schöpfung und nahm das Evangelium beim Wort. Warum 800 Jahre nach seinem Tod vieles an ihm modern wirkt und Folgen haben kann für das eigene Leben.

Vögel hatten es Franz von Assisi angetan, allen voran die Lerchen. Sie erinnerten ihn an seine Ordensbrüder: graubraunes Federkleid, eine Art Kapuze auf dem Kopf und bescheidenes Futter von der Strasse.

Ein etwas schrulliger Vergleich vielleicht. Aber genau solche Züge gefallen Markus Hofer an Franziskus. Der österreichische Theologe und Autor beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem berühmten Heiligen und hat ihm nun eine neue Biografie gewidmet. Franziskus nennt er im Gespräch mit «reformiert.» ein «menschliches Gesamtkunstwerk».

Das Werk ist das Leben

Nicht, weil dieser wie etwa Mozart, Michelangelo oder Goethe ein herausragendes Gesamtwerk erschaffen habe. Franziskus war weder ein grosser Dichter noch ein bahnbrechender systematischer Theologe. Das Kunstwerk, so Hofer, war sein Leben.

Und dieses beginnt denkbar unheilig. Franziskus wächst als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers in der mittelitalienischen Stadt Assisi auf, gibt das Geld seines Vaters grosszügig aus, feiert mit Freunden und träumt davon, Ritter zu werden. Ein Angeber wohl, sagt Hofer, aber ein durchaus liebenswürdiger.

Streit mit dem Vater

Franziskus zieht in den Krieg gegen Perugia und gerät in Gefangenschaft. Doch die Wende kommt nicht auf einen Schlag. Nach Krankheit und Gefangenschaft versucht er nochmals, Ritter zu werden, kehrt aber nach einer Vision unterwegs um. Nun sucht Franziskus nach einer anderen Lebensform. Er zieht sich mehr und mehr zurück, kümmert sich um Aussätzige und beginnt, verfallene Kirchen zu reparieren.

Im Streit mit seinem Vater verzichtet Franziskus schliesslich auf sein Erbe und gibt ihm der Überlieferung nach vor dem Bischof sogar seine Kleider zurück.

Legendäre Kutte

Franz entscheidet sich für ein Leben ohne Besitz. Die schlichte Kutte wird zu seinem Erkennungszeichen. Das Evangelium nimmt er wörtlich. «Er war so gesehen ein Fundamentalist», erklärt Hofer. Jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Er nahm immer zuerst sich selbst in die Pflicht.

Schon bald schliessen sich ihm Gefährten an. Aus der persönlichen Suche eines Kaufmannssohns entsteht innerhalb weniger Jahre eine Bewegung, die sich weit über Assisi hinaus ausbreitet. Was die Menschen anzog, war dabei weniger eine neue Lehre als die Konsequenz, mit der Franziskus lebte. Zwischen dem, was er sagte, und dem, was er tat, blieb kaum eine Lücke. Aus diesem Grund nennt ihn Markus Hofer einen der authentischsten Menschen, die es je gegeben habe.

Auch theologisch lag Franziskus’ Besonderheit weniger in gelehrten Abhandlungen als in der Art, wie er die Welt betrachtete. Eigenständig war insbesondere sein Blick auf die Schöpfung. Sonne und Feuer nennt er Brüder, Mond, Wasser und Erde Schwestern. Der Mensch steht in dieser geschwisterlichen Schöpfung nicht über den anderen Geschöpfen, sondern gehört zu ihnen. Auch Tiere sind für Franziskus Mitgeschöpfe desselben Gottes.

Starten statt denken

Aus seiner freiwilligen Armut lasse sich nicht einfach ein moderner Konsumverzicht ableiten, sagt Hofer. Entscheidend ist für ihn vielmehr die Frage: Was braucht man tatsächlich? Einkaufen «mit einem riesigen Wagen und einem leeren Kopf» bringe nichts.

Überhaupt liegt die Aktualität des Franziskus für Hofer weniger in einzelnen Regeln als in seiner Konsequenz. Seine Botschaft für heute lautet: «Nicht zu viel nachdenken und reden, sondern sich aufmachen.» Viele Menschen würden fast in den Startlöchern vertrocknen – «statt dass sie starten».

Der Sonnengesang

Am Ende seines Lebens ist Franziskus schwer krank und fast blind. 1226 stirbt er bei Assisi, noch keine 45 Jahre alt. In dieser Zeit entsteht auch der berühmte Sonnengesang. In diesem Gebet spricht er Sonne, Mond, Wind, Wasser und Erde als Geschwister an. Und sogar den Tod nimmt er in diese Ordnung auf und nennt ihn «Schwester Tod».

Seiner Haltung blieb Franziskus bis zuletzt treu, was ihn bis heute herausfordernd macht. «Die Auseinandersetzung darf uns auch ein bisschen wehtun», findet Hofer. Sie führt zur unbequemen Frage: Was ist denn eine Überzeugung wert, wenn sie im eigenen Leben keine Folgen hat? 

Markus Hofer: Franz von Assisi. Ein radikales Leben neu erzählt. Tyrolia Verlag, 2026