Kirchen pflegen, gemäss dem Sprichwort, «mitten im Dorf» zu stehen. Und, analog dazu, mitten in der Stadt. Auch meine Kirche, die reformierte Stadtkirche Burgdorf, befindet sich – einigermassen – mitten im Ort, wie ein Blick auf den Stadtplan zeigt.
Vor allem aber steht sie an sehr prominenter Stelle: Die markante Silhouette der Altstadt auf ihrem Hügelzug wird an der einen Seite flankiert von der mächtigen Zähringerburg, an der anderen Seite von der stattlichen spätgotischen Kirche, deren schlanke Turmspitze nadelgleich in den Himmel sticht und deren Turmuhr das zweitgrösste Zifferblatt in Europa aufweist.
Emotionen, Geschichten, Erinnerungen
Ich bin in Burgdorf geboren, aufgewachsen und mit meinen 62 Jahren noch immer hier wohnhaft. So schnell bringt mich da keiner weg. Nicht zuletzt wegen dieser besonderen, fast familiären Altstadt-Atmosphäre, zu der die Kirche Wesentliches beiträgt, mit ihrem zuverlässigen und beruhigenden Stundenschlag, ihrem feierlichen Sonn- und Festtagsgeläut und ganz einfach ihrer zugleich majestätischen wie freundlichen, fast mütterlichen Präsenz.
Mit der Stadtkirche, die im Jahr 1490 fertiggestellt wurde, verbinden sich Emotionen, Geschichten, Erinnerungen und Beobachtungen. Davon will ich hier ein paar wenige aus meiner persönlichen Sicht ausbreiten. Aus gegebenem Anlass: Im Dezember 1471, vor 555 Jahren also, erfolgte der Spatenstich zu diesem wichtigen Bauvorhaben. Das Jubiläum wird in Burgdorf heuer mit vielfältigen Aktivitäten begangen.
Vor der Stadtkirche musste es sein
Wann prägte sich mir «meine» Kirche besonders tief in meinem Gefühlsleben ein? Das war vermutlich in den Sommerferien des Jahres 1981, als ich – damals 18-jährig – beschloss, nun endlich einmal den Sonnenaufgang zu erleben. Auf einer Sitzbank vor der Stadtkirche musste es sein, das stand für mich fest, denn erstens bot sich von der Ostseite der Kirche ein freier Blick auf den Ort des Geschehens, und zweitens hoffte ich, dass die vom sandsteinernen Kirchengemäuer ausgehende spirituelle Aura dem Naturereignis zusätzliche Tiefe verleihen würde.
Zudem war die Kirche für mich bereits mit vielen Erinnerungen verbunden: Hier hatte mein Grossvater an Weihnachten bei einer Aufführung von Händels «Messias» mitgesungen, hier war ich konfirmiert worden, hier hatte ich Gottesdienste und Orgelkonzerte besucht.
Ein bleibendes Erlebnis
Meine Ortswahl für das Beobachten des Sonnenaufgangs erwies sich als genau richtig: Dieser magisch-mystische Vorgang an der Ostmauer der Kirche – das Auftauchen erster Lichtspuren am weit gegenüberliegenden Waldsaum, die mit jeder Minute wachsende goldene Aura, dann das Aufglühen eines Lichtpunkts, das Erscheinen der Sonne, ihr Aufquellen am Himmel zum feurigen und zunehmend wärmenden Ball – wurde für mich zum eindrücklichen Erlebnis, an das ich noch heute bewegt zurückdenke.
Auch die Kirche selbst war und ist für mich ein Ort des kontemplativen Rückzugs, gerne gerade auch ausserhalb eines Gottesdienstes. Möglich macht es der Umstand, dass die Burgdorfer Stadtkirche auch wochentags schon immer gastlich offen stand. Öffne ich das schwere, übermannshohe Holzportal und betrete ich durch die Eingangshalle das Innere der Kirche, finde ich mich in einem stillen Dämmer wieder, der mich freundlich, fast freundschaftlich umfängt, aber niemals vereinnahmend.
