Gesellschaft 18. Februar 2026, von Stella Männer

Heilende Stiche

Reportage

Syrierinnen erlebten, wie ihre Männer im Krieg starben, in Foltergefängnissen verschwanden oder übers Mittelmeer flohen. Beim Sticken finden sie Worte für ihre Erinnerungen.

An einem sonnigen Herbstmorgen brach Nahla Soukeya ihr Schweigen. Die 65-Jährige war zum Stickworkshop für Frauen gekommen, der in ihrem Heimatdorf Qutayfah neuerdings stattfand.

Gemeinsam mit einem Dutzend Frauen sass Soukeya in einem Kreis. Jede hielt ein Stück Stoff in den Händen. Als sich die Frauen darüber unterhielten, wie sich ihr Leben seit dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad verbessert hatte, war es plötzlich wieder da. Vor ihr inneres Auge schob sich das Bild vom Mann mit dem blau angelaufenen Gesicht. Das Bild, das sie seit zwölf Jahren nicht vergessen kann.

Sein Gesicht sagte alles

In diesem Augenblick habe sie entschieden, die Geschichte einfach zu erzählen, erinnert sich Soukeya später. Also sprach sie davon, wie Schergen von Assad ihren Sohn im Jahr 2013 beschuldigten, der Opposition anzugehören, und ihn festnahmen. Wie sie nach ihm suchte, Regimeangehörige bestach und ihn schliesslich nach zwei Monaten freibekam. Wie er anschliessend mit seiner Frau und den beiden kleinen Enkelkindern aus Syrien floh.

Und Soukeya erzählt von ihrer Angst. Davon, wie sie tagelang bangte, ob die Überfahrt im Schlauchboot geklappt hatte. Von dem Moment, als sich ihr Sohn endlich per Videocall meldete. Von seinem Gesicht, das von der winterlichen Kälte des Mittelmeers blau angelaufen war. Das Boot war kurz vor Griechenland gesunken. Soukeyas Sohn hatte schwimmen müssen. Soukeya wusste, dass es knapp gewesen war. Das Gesicht ihres Sohns sagte alles.

Fragiler Friede

Neben der überwiegend sunnitischen Bevölkerungsmehrheit leben in Syrien Schiiten, Drusen, Christen und Alawiten. Die Stickereien wurden über Jahrhunderte von Frauen aller Religionen angefertigt. In den Dörfern der Qalamoun-Region wurden eher geometrische Muster gestickt, um Damaskus florale Motive. Historikerinnen und Historiker beschreiben Sticken als «soziales Band», das Frauen aller Konfessionen zusammenhielt. Seit der Machtübernahme von Hajat Tahrir al-Scham (HTS) wächst die Sorge um den religiösen Frieden. Die HTS ist in Teilen islamistisch, Präsident Ahmed Al-Scharaa hatte früher Verbindungen zu Al Kaida. Religiöse Minderheiten befürchten, die Regierung könnte ihre Rechte einschränken. Al-Scharaa bemüht sich um ein gemässigtes Auftreten, seine Regierung verspricht, die Rechte aller Bevölkerungsgruppen zu wahren. Die Zusagen stehen allerdings im Kontrast zu mehreren Gewalttaten im letzten Jahr: Im März, August und Dezember töteten Islamisten Tausende Alawitinnen und Alawiten. Im Juni sprengte sich in einer damaszener Kirche in die Luft. Im Juli kam es zu Massakern an der drusischen Bevölkerung, an der Regierungstruppen beteiligt gewesen sein sollen. 

Noch vor etwas mehr als einem Jahr wäre es undenkbar gewesen, dass Soukeya so frei hätte vom Leid erzählen können, welches das Leben unter Assad mit sich gebracht hatte. Wer in Syrien das Regime kritisierte, musste mit harten Strafen rechnen. Ex-Machthaber Baschar al-Assad liess Kritikerinnen und Kritiker willkürlich festnehmen, foltern oder verschwinden.

Seine Strafen trafen nicht nur offen Oppositionelle, sondern auch Menschen, die sich im privaten Umfeld kritisch über einzelne Aspekte des Systems äusserten. Überall gab es Spitzel, sie überwachten das Internet und die Telekommunikation. Wer Schlimmes erlebte, behielt es in der Regel für sich.

Das Trauma bleibt

Mit der Machtübernahme von Hajat Tahrir al-Scham (HTS) im Dezember 2024 begann der lange Prozess der Aufarbeitung. Viele Syrerinnen und Syrer haben die traumatischen Erlebnisse, die sie im Krieg oder unter der Diktatur gemacht haben, noch immer nicht verarbeitet.

So auch Soukeya. Alle drei ihrer Söhne flohen aus Syrien. Die Lehrerin blieb allein zurück. Allein ertrug sie die Angst um ihre Söhne. Allein lebte sie in Qutayfah, wo Assad-Männer auch sie jederzeit hätten festnehmen können.

Die Frauen, denen sie an jenem Herbstmorgen alles erzählte, kannten sich zuvor nicht. Trotzdem eint sie ihr Schicksal. Sie alle sind Verbliebene, die in Qutayfah ausharrten. Einige von ihnen haben Angehörige verloren, in den Gefängnissen Assads oder durch den Krieg selbst. Andere wurden von Familienmitgliedern getrennt, die vor dem Regime flohen. Gesprochen haben sie über das Erlebte nie, litten im Verborgenen. Nun können sie erstmals frei über das Erlebte sprechen.

Nahla Soukeyas Geschichte berührte viele der Frauen des Stickworkshops. Am Ende hätten alle geweint, erzählt Samar Hamedi. Die 33-jährige Kursleiterin erinnert sich noch genau daran. Bei aller Schwere sei der Moment auch positiv gewesen: «Weinen ist ein gesunder Weg, unterdrückte Gefühle freizulassen», sagt die Psychologin. Für sie war der Moment auch ein persönlicher Erfolg. Dass sich Soukeya und die anderen Frauen nach Jahren der Angst und des Misstrauens gegenseitig ihre Erlebnisse anvertrauten, zeigte, dass sie sich sicher fühlten.

Die grosse Befreiung

Hamedi hat das Zentrum für Familientherapie, in dem der Stickworkshop stattfindet, im April gegründet. Der Machtwechsel in Syrien ermöglichte es der Psychologin, sich selbstständig zu machen und ihren Beruf frei auszuüben. Längerfristig möchte Hamedi in Qutayfah vor allem Familien- und Paartherapie anbieten.

Immer montags und dienstags empfängt sie die Frauen des Dorfes. Der Workshop soll ein niederschwelliges Hilfsangebot sein. In den Jahren der Diktatur hätten sich viele Menschen sozial isoliert. «Sie fangen erst langsam an, sich zu öffnen.» Bei den ersten Treffen hätten die Frauen nur Small Talk ausgetauscht, inzwischen sprächen sie offener über ihre Probleme.

Schweigen macht krank

Jahrelanges Schweigen gehe nicht spurlos an den Menschen vorbei, sagt Nahla Soukeya. Sie habe mit den Jahren Verdauungsprobleme bekommen, konnte Gerichte mit Hülsenfrüchten wie Foul oder Hummus nicht mehr essen. Dann bekam sie immer stärkere Rückenschmerzen. Die Hausarbeit konnte sie fortan nur noch mit einem Stützgürtel verrichten. «Es war, als hätten sich meine Gefühle andere Wege suchen müssen», erzählt sie.

Tatsächlich verhindert Schweigen die Verarbeitung belastender Erlebnisse. Im Moment des traumatischen Ereignisses stören Stresshormone das normale Abspeichern von Informationen im Gehirn. Das Erlebnis wird zu einer fragmentierten Erinnerung, die unkontrolliert über Betroffene einbrechen kann.

Erst durch Reden kann das Gehirn das Erlebte ordnen und in einen Kontext einbetten. Sprechen aktiviert frontale Hirnareale, die emotionale Reaktionen wie Wut oder Schmerz abmindern. Studien zeigen, dass das Sprechen über traumatische Erlebnisse den Cortisolhaushalt langfristig stabilisiert und depressive Symptome verringert. Dafür muss das Reden allerdings in einem Rahmen stattfinden, in dem sich die Betroffenen nicht gedrängt fühlen.  

Ein geschützter Ort

Einen solchen Safe Space will Samar Hamedi. Deshalb leiert sie keine Gespräche an, sondern wartet ab, welche Themen die Teilnehmerinnen von sich aus ansprechen. An einem Dienstagmorgen Ende November steht sie neben einer Teilnehmerin und hilft ihr, ein Knäuel pinkes Garn zu entwirren.

Acht Frauen sitzen um den Tisch. Jede ist über eine Stickarbeit gebeugt, als sich die Tür öffnet und eine Frau eintritt. Sie habe sich mit ihrer Schwiegermutter gestritten, erzählt sie. Die wolle nicht, dass sie weiterhin an den Treffen teilnehme, sie vernachlässige ihre Pflichten als Hausfrau. «Und was willst du?», entgegnet ihr eine andere Teilnehmerin. «Weiterhin kommen, die Treffen mit euch tun mir gut.» Dann solle sie das auch tun. «Wir haben unser Leben lange genug eingeschränkt», sagt Nahla Soukeya.

Therapie stigmatisiert

Hamedi hat während der Diskussion still weiter das Knäuel entwirrt. Sie verstehe sich als Moderatorin, sagt sie später. Sie mische sich nur ein, wenn die Gespräche in eine falsche Richtung gingen. Etwa, wenn die Frauen sich über Probleme anderer lustig machten. «Alle sollen sich hier sicher fühlen.»

Frauen, die von traumatischen Erlebnissen berichten, bietet sie ein Einzelgespräch an. In Hamedis Zentrum arbeiten mit ihr zwei weitere Therapeutinnen. Alle Teilnehmerinnen wüssten, dass sie jederzeit zur Einzel- oder Paartherapie vorbeikommen können.

Die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu suchen, ist hoch. Psychotherapie ist in Syrien stigmatisiert. Viele glauben, in Therapie zu gehen, bedeute, verrückt zu sein. Beim Sticken hingegen können die Frauen ins Reden kommen, ohne das Risiko einer gesellschaftlichen Verurteilung einzugehen.

Zeit für sich selbst

Darüber hinaus habe das Handwerk eine therapeutische Wirkung, sagt Hamedi. «Sticken hat einen ähnlichen positiven Einfluss auf die Psyche wie Sport.» Es helfe, sich im Hier und Jetzt besser zu verankern, der Fokus werde vom Schmerz auf etwas anderes gelenkt.

Die Frauen, die an diesem Morgen um den Tisch sitzen, sind alle Mütter, einige Grossmütter, viele Witwen. Sie alle tragen eine enorme mentale Last, sind verantwortlich für die Hausarbeit, die Kinder und in einigen Fällen auch für das Einkommen. «Im Leben vieler gibt es keinen Raum, sich mit sich selbst zu beschäftigen», sagt Hamedi. Mit dem Workshop will sie ihren Teilnehmerinnen einen Ort geben, an dem sie durchatmen können, Zeit haben, in sich hineinzuhorchen.

Weltberühmte Muster

Samar Hamedi hat sich bewusst für das Unterrichten der Stickkunst entschieden, die sie von ihrer Grossmutter gelernt hat. Bereits vor Jahrhunderten verzierten Frauen in Syrien so ihre Kleidung. Die traditionellen Stickmuster aus der Qalamoun-Bergregion, zu der Qutayfah gehört, sind weltbekannt. Einige Kleider aus Qalamoun haben es sogar in die Sammlung des berühmten New Yorker Metropolitan Museum of Art geschafft.

Hamedi möchte die Teilnehmerinnen ihres Kurses mit diesem Teil ihres kulturellen Erbes in Kontakt bringen. An einer Wand des Raumes hängen Kopien alter Stickmuster. Daneben stehen zwei Schneiderpuppen mit weissen und roten bestickten Gewändern aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Hamedi selbst trägt einen Kopfschmuck aus Silber, den sie in einem Antiquitätengeschäft gefunden hat. Beugt sie sich zu einer der Teilnehmerinnen, um ihr einen Stich zu erklären, klimpern die Silbermünzen, die vor ihrer Stirn baumeln. Viele Menschen hätten diesen Teil der Geschichte Qutayfahs vergessen, sagt Hamedi. Heute würden Syrerinnen und Syrer Qutayfah nur noch wegen des Checkpoints kennen, den Assads Armee während des Krieges vor dem Dorfeingang errichtet hatte.

Der Verlust der Würde

Qutayfah liegt direkt an der Autobahn, die Damaskus mit der nördlichen Stadt Homs verbindet. Im Krieg war sie eine wichtige Route für Oppositionskämpfer, um die Vororte von Damaskus mit Waffen zu versorgen. Assad baute deshalb einen Checkpoint und stationierte eine Raketenbrigade und eine Panzerdivision in Qutayfah.

Von hier aus feuerte das Regime auf die Opposition. Die Soldaten am Checkpoint liessen Tausende Zivilisten verschwinden. Während der Interviews berichten Samar Hamedi und Nahla Soukeya beide, dass die Fahrt nach Damaskus während des Krieges deshalb zu gefährlich gewesen sei. Die syrische Armee habe nachts regelmässig Razzien im Dorf durchgeführt, erzählt Soukeya. Aus Angst habe sie jahrelang in Kleidern und mit Hidschab geschlafen. Für den Fall, dass sie nachts schnell aus dem Haus hätte fliehen müssen.

Ein Auskommen finden

«Assad hat den Menschen ihre Würde genommen», sagt Hamedi. Ihr Stickkurs soll die Frauen an ein positiveres Kapitel der syrischen Geschichte erinnern. Die Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe und das eigene Können vermittle ein Gefühl von Stolz. Darin liegt für Hamedi die Verbindung zwischen der Handarbeit und der Psychotherapie. Die Psychologin hofft, dass die Frauen das Sticken so perfektionieren, dass sie mit ihren Stücken Geld verdienen können. Auch ein Jahr nach dem Sturz von Assad ist die wirtschaftliche Lage angespannt.

Nahla Soukeya möchte mit dem Sticken einfach nur ihre Lebensfreude zurückgewinnen. Bereits nach vier Workshops habe sich ihr Leben spürbar verbessert. Mit jedem Treffen fühle sie sich leichter.

Die Perspektive der Frauen

Den Stützgürtel gegen die Rückenschmerzen braucht Soukeya nicht mehr. Und neulich hat sie seit Jahren wieder Foul und Hummus gegessen, ohne Probleme zu bekommen. Allerdings gibt es viele Erlebnisse, von denen sie noch immer kaum jemandem erzählt hat. Von der Angst um ihren jüngsten Sohn etwa, der während des Krieges den gefährlichen Weg von Qutayfah nach Damaskus nehmen musste, oder davon, wie sie selbst nur knapp dem Gefängnis entkam.

Doch Soukeya ist überzeugt, dass sie sich schon bald auch den Schmerz dieser Erinnerungen endlich von der Seele sprechen kann. «Jetzt ist die Zeit gekommen, in der die syrischen Frauen ihre Perspektive der Geschichte erzählen müssen», sagt sie und lächelt.