Es ist noch dunkel in der Postremise Chur. Heinz Girschweiler schaltet die Beleuchtung im Foyer ein. Die Sofas schimmern nun im blau-roten Bühnenlicht. In dieser Atmosphäre kann man sich ein Jazzkonzert gut vorstellen. Und richtig: Hier tritt der Jazzchor Arcas Syncopics auf – gelegentlich. Zurzeit stehen aber andere Auftrittsorte auf dem Plan des Chors: sieben reformierte und katholische Kirchen in Nord- und Mittelbünden. Die Arcas Syncopics werden dort die Gottesdienste mitgestalten. Jazzig, versteht sich. Mit «A Little Jazz Mass» des britischen Komponisten Bob Chilcott.
Der Jazz und die Messe
Bob – eigentlich Robert – Chilcott hat sein gesangsmusikalisches Können bei den King’s Singers, einem A-cappella-Ensemble aus Grossbritannien, erworben. «Ganz einfach sind die Arrangements nicht», verrät Heinz Girschweiler im Gespräch mit «reformiert.». Girschweiler leitet die Arcas Syncopics. In diesen Wochen hat der Chor die «Kleine Jazzmesse» von Chilcott einstudiert. Eine Messe mit allen fünf Teilen des lateinischen Ordinariums.
Kyrie und Gloria
Das lateinische Ordinarium bildet den Kern der katholischen Liturgie. Vertraut sind auch protestantischen Ohren das Kyrie und das Gloria. Hinzu kommen Sanctus mit Hosanna und Benedictus sowie das Agnus Dei. Aber Jazz? Wie geht das zusammen? Und wie tönt das? «Es tönt sehr anders», erläutert Heinz Girschweiler, «weil sich Bob Chilcott, der selbst kein Jazzmusiker ist, an den verschiedenen Stilen des Jazz orientiert und zum Beispiel aus dem Agnus Dei dann eine Art Blues macht. Das gibt einen anderen Grundton in die Musik. Es ist sehr harmonisch – kein Free Jazz.» Die «Little Jazz Mass» ist 21 Jahre alt und war rund um den Globus zu hören. Von Februar an nun auch in Graubünden: «Immer in einem Gottesdienst – reformiert oder katholisch. Das macht das Projekt so spannend, weil ich die Liturgie jeweils neu anpassen werde.»
Gemeinde macht mit
Es gab bereits Gespräche mit den örtlichen Pfarrpersonen. Während in der katholischen Kirche ohnehin die Messe gefeiert wird, die das Ordinarium liturgisch integriert, bedarf es in der reformierten Liturgie einiger Anpassungen, wie Girschweiler berichtet: «Der Vorgang ist interessant, denn im reformierten Gottesdienst steht das gesprochene Wort im Zentrum. Und ich schaue dann zusammen mit der Pfarrperson, wie mit diesen Elementen aus der Messe umgegangen werden kann und wie die Gemeinde einbezogen wird.»
Experte der menschlichen Stimme
Heinz Girschweiler ist solche Herausforderungen gewohnt. Der ausgebildete Kirchenmusiker und Trompeter engagiert sich seit 1997 für die Chor- und Jazzszene in und um Chur. Im Chorcenter ist er ebenso zu finden wie der Postremise, dem Churer Kulturhaus, dessen Leitungsteam er angehört. Als Dirigent leitet er vier Ensembles – von Kammermusik bis Latin ist musikalisch fast alles in seinem Repertoire, was die menschliche Stimme hervorbringt.
Eine Frage der Balance
Abschliessend holt Girschweiler die Noten der Jazz-Messe hervor. Bob Chilcott sieht darin eine Begleitung vor, etwa mit einem Trio aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. «Ich habe mich jedoch dagegen entschieden, da es im liturgischen Rahmen nicht so viel Sinn ergibt», erklärt Girschweiler. Das sei eine Frage der Balance. «Es wäre ein bisschen laut mit Schlagzeug, wir haben uns entschlossen, das mit Klavier zu machen.» So übernimmt Valentin Kessler nun den Schlagzeugpart, mal auf einem Flügel und mal auf dem elektrischen Piano.
