Programm Ecolsiv: Eine lehrreiche Herausforderung

Inklusion

Am Institut Unterstrass werden Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung für eine pädagogische Tätigkeit in Schulen ausgebildet. Ein Besuch beim inklusiven Zürcher Pionierprojekt. 

Im Hörsaal 1 wird angeregt diskutiert. Im Fach «Religionen, Kulturen, Ethik» besprechen 40 Studentinnen und eine Handvoll Studenten mögliche Fragen von Kindern im Kindergarten oder in der Unterstufe zum Thema Tod: Kommt mein Hamster in den Himmel? Wie sieht es dort aus? Sterben Kinder auch? 

Am vordersten Tisch sitzt David vor seinem Tablet. Er ist écolsiv-Student im zweiten Jahr. Dozentin Eva Ebel setzt sich zu ihm, schaut mit ihm die Fragen an. Gemeinsam kommen sie zum Schluss, dass Menschen unterschiedliche Glaubensmeinungen haben und Lehrpersonen diese respektieren müssen. «Wenn du das aus dem heutigen Unterricht mitnimmst, bin ich zufrieden», sagt Ebel. Sie steht auf und wendet sich jetzt dem Plenum zu.

Bei sich selbst beginnen 

Während zusammengetragen wird, was in den Gruppen diskutiert worden ist, klinkt sich David aus, macht am Handy ein kurzes Game – und bleibt doch nah am Thema. Als alle zu den Bilderbüchern gehen, die Ebel zum Thema Tod aufgelegt hat, zeigt David ein Bild von Thomas Gottschalk. «Er hat Krebs», sagt er mit ernstem Gesicht. 

Am Institut Unterstrass, das zur pädagogischen Hochschule Zürich gehört, studieren derzeit sechs junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten und kognitiven Beeinträchtigungen. Drei Jahre lang werden sie auf eine pädagogische Tätigkeit im Umfeld Schule vorbereitet. Gemeinsam mit den angehenden Lehrpersonen besuchen sie ausgewählte Vorlesungen, absolvieren Praktika und werden individuell unterstützt durch Coachs und Tutorinnen aus der eigenen Klasse. 

In seinem Büro im zweiten Stock des Instituts erzählt der Projektverantwortliche Matthias Gubler, wie alles begann: «Studierende sagten uns etwas provokativ, wir würden von ihnen verlangen, Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu integrieren, selber aber würden wir es nicht tun. Sie hatten natürlich recht», sagt der Pädagoge lächelnd. 

Mit Preis ausgezeichnet 

Das sollte sich ändern. Nach einer dreijährigen Planungsphase startete 2017 der erste écolsiv-Student. Die Aufnahmebedingungen lauten: «Eine Sonderschulkarriere und Freude am Kontakt mit Kindern.» 

Mit écolsiv durchbrechen wir gängige Denkmuster.
Matthias Gubler, Projektverantwortlicher écolsiv

Zuletzt wurde das Projekt, das in der Schweiz einzigartig ist, von der evangelischen Barbara-Schadberg-Stiftung in Deutschland mit einem Preis ausgezeichnet. Gubler beschönigt die Herausforderungen nicht. Menschen mit Lernschwächen brauchen Unterstützung, erreichen nicht die gleichen Ziele. Später bei der Arbeit bleibt Begleitung nötig. «In ihnen steckt jedoch ein Potenzial, das sich entfalten kann, wenn sie unterstützt werden», betont er. Das stärke ihre Selbstständigkeit und wirke sich positiv auf ihr Selbstwertgefühl aus. «Menschen mit Beeinträchtigungen hören von klein auf, was sie angeblich nicht können. Diese Denkmuster durchbrechen wir.» 

Raum für das Eigene 

Nebenan arbeiten zwei écolsiv-Studentinnen im fünften Semester an einem Leistungsnachweis. Gefragt, was sich für sie seit Beginn ihrer Ausbildung verändert hat, antwortet die 32-jährige Selina: «Durch das Studium bin ich mutiger geworden, mit andern zusammenzuarbeiten.» Milena, die als Assistenz in einem Kindergarten arbeitet und jeweils freitags écolsiv-Studierende coacht, sagt: «Ich habe gelernt, Nein zu sagen, das gibt mir mehr Raum fürs Eigene. Früher konnte ich das gar nicht.» 

Im Hörsaal im Parterre ist gleich Mittagspause. Madlaina sagt, es sei bereichernd und für die inklusive Schule lehrreich, eine Vielfalt an Mitstudierenden zu haben. «Am Anfang waren wir mit David etwas überfordert», erzählt die 22-Jährige. «Mittlerweile tragen wir ihn als Studiengruppe mit, merken, wenn er eine Pause braucht. Auch er lernt, was wir nicht so toll finden.» Etwa, wenn er mitten in der Vorlesung aufsteht und redet. «Dann erinnern wir ihn daran, zu flüstern.» 

Jetzt klopft eine junge Frau an die Fenstertür. Madlaina macht auf. «Ich habe mein Praktikum bestanden, vor Freude musste ich weinen», berichtet die écolsiv-Studentin Pearl, die Tränen laufen gleich wieder.

Schon ist sie wieder weg. Sie tanzt draussen ausgelassen auf dem Platz herum. Alle lachen, sind sich einig: «Das ist unsere Pearl, sie ist mega lebensfroh!»