Jemand hat im vollen Zug seine Füsse auf den Sitz gelegt und macht keine Anstalten, sie herunterzunehmen. Was tun Sie in dieser Situation?
Henriette Kuhrt: Wenn ich mich dorthin setzen möchte, spreche ich die Person direkt an: «Könnten Sie bitte die Füsse herunternehmen». Füsse auf den Sitz zu legen, bedeutet, Schmutz zu hinterlassen, sich in einem vollen Zug einen Platz zu nehmen, den andere brauchen, ist einfach rüpelhaft. Allerdings spreche ich nicht immer alles an, denn sonst würde ich kaum aus dem Haus kommen.
Vielleicht ist dies den Leuten nicht bewusst.
Die meisten Menschen wissen durchaus, dass so etwas falsch ist. Sie spekulieren darauf, dass niemand etwas sagt, deshalb ist es ja wichtig, das zu benennen. Oft heisst es, man solle nicht zu allem ein grosses Fass aufmachen, aber der öffentliche Raum ist für mich ein schützenswertes Gut. Warum sollte man Dinge nicht beim Namen nennen? Ich erlebe im Alltag aber glücklicherweise, dass sich die meisten Menschen anständig verhalten. Ich denke, dass die Schweiz auch noch mal ein rücksichtsvolleres Pflaster ist als Deutschland.
Viele scheuen genau diesen Moment. Sie fürchten den Konflikt.
Mich ärgert es viel mehr, wenn ich im Nachhinein denke, ich hätte etwas sagen sollen. Ich glaube, es ist hilfreich, dass man nicht erwartet, ein Problem sofort zu lösen, sondern eher versucht, ein Signal zu senden: Wer merkt, dass sein Verhalten auf Widerstand stösst, wird er es eher ändern, als wenn es einfach toleriert wird. Vielleicht nicht jetzt, aber das nächste Mal. Das versuche ich auch meinen Leserinnen und Lesern zu vermitteln, man sollte solche Situationen nicht unbedingt mit dem Ziel eines konkreten Ergebnisses angehen, das führt nur zu Streit und schlechter Laune. Es geht eher um den Prozess: darum, für sich selbst einzustehen und dem anderen zu zeigen, dass rüpelhaftes Verhalten gesehen wird.
Warum verhalten sich Menschen so? Liegt es an mangelnder Sensibilität oder Erziehung?
In Deutschland auf jeden Fall an fehlenden Konsequenzen und Sanktionen. Je älter ich werde, desto mehr habe ich den Eindruck, Menschen nehmen sich die Freiräume, die man ihnen lässt. Das ist im Grunde menschlich und ich bin bestimmt nicht frei davon. Aber wenn man dem keine Grenzen setzt, entstehen ärgerliche Situationen.
