Schwerpunkt 23. September 2026, von Stefan Welzel

Wenn Männer sich den Spiegel vorhalten: Tom Thoma

Männlichkeit

Angehender Automatiker, Fitnesscoach, Kunsthistoriker: Männer sprechen über ihre Männlichkeit. Tom Thoma möchte schlicht ein fairer, ehrlicher und hilfsbereiter Mann sein.

Auf den ersten Blick versprüht Tom Thomas Fitnesscenter die typische Atmosphäre eines Gyms. Die Musik läuft, an den Geräten wird trainiert, in einer Nische steht ein Getränkeautomat. Doch schon bald fallen Dinge auf, die den Ort von anderen seiner Art unterscheiden. Beispielsweise hängt beim Eingang die Regenbogen-Flagge als kleines Statement. Und: Das Fitnessstudio verfügt über keine Spiegel. 

Zur Begrüssung gibt es von Thoma ein breites Lachen und einen festen Händedruck. Im Schlepptau sein Hund Tyko. Im «Elemental Training» ticken die Uhren ein wenig anders. «Klassische Bizeps-Pumper kommen eher weniger zu uns», sagt Tom Thoma.

Im stetigen Wandel 

Als 20-jähriger Gym-Besucher ging es ihm, so gibt er zu, durchaus um das Aussehen und darum, über den Aufbau von Muskeln und Stärke mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. «Mit Mitte 20 habe ich dann gemerkt, dass ich mich nicht mehr primär über mein Aussehen definieren möchte.» Grosse Muskeln zu haben, gehört zwar ein Stück weit zu Thomas Selbstverständnis. Inzwischen mache er das Krafttraining aber in erster Linie aus Freude und gesundheitlichen Gründen. 

Thoma artikuliert mit Bedacht. Im Gespräch zeigt er sich als selbstkritischer Mann «im kontinuierlichen Wandel». Und wenn er überlege, was männlich sein soll oder was man als Männlichkeit definiere, ende er beim Nachdenken darüber, «wie wir Menschen miteinander umgehen sollten». Er möchte schlicht ein fairer, ehrlicher und hilfsbereiter Mann sein. 

Ganz der Demokrat steht Thoma für Toleranz ein. Und zwar auch gegenüber Menschen, die ein traditionelleres Rollenbild bevorzugen. «Es ist mir wichtig, offen zu sein für die Meinung anderer und es auszuhalten, wenn diese nicht der eigenen entspricht.» Natürlich gebe es Grenzen. Meinungsverschiedenheiten sollen ausdiskutiert werden. «Ohne Aggression oder Gewalt, nur so kommen wir weiter.» 

Die Flucht ins Extreme 

Dass sich althergebrachte Rollenbilder verändern, sieht Tom Thoma grundsätzlich als Chance. Er ist froh darüber, dass er «als Mann zum Beispiel viel selbstverständlicher Gefühle zeigen kann». 

Gleichzeitig beobachtet der Fitnesscoach, dass im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen viele Männer in einer Identitätskrise stecken. «Jungs kriegen von ihren Vätern oft noch ein althergebrachtes Männlichkeitsbild vermittelt.» In der Schule und im öffentlichen Diskurs hingegen seien sie damit konfrontiert, «dass genau diese Bilder nicht mehr zeitgemäss sind». Oft führe das zu Unsicherheit und zur Flucht in ex­treme Positionen. 

Es sind auffallend viele Frauen, die an diesem warmen Sommertag im Gym von Thoma trainieren. «Immer mehr Frauen betreiben Muskelaufbau», sagt der Personal Trainer. Und er fügt lächelnd hinzu: «Frauen unterschätzen oft ihre Kraft.» Schön sei es dann zu sehen, wie sie merken, dass sie viel stärker sind als gedacht. «Die Männer hingegen überschätzen sich oft.»