Sie ist die Frau, die das Dorf zusammenhält

Gotte/Götti

Die Gotte Flavia Fall findet, dass Patinnen und Paten Teil des sprichwörtlichen Dorfs sein sollten, das es braucht, um ein Kind grosszuziehen.

«Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.» 

In vielen afrikanischen Ländern ist Erziehung Aufgabe der Gemeinschaft. Auch in Senegal, von wo Flavia Falls Ehemann Lamine stammt. «Das Sprichwort begleitet mich, seit unsere Tochter Luna zur Welt gekommen ist», erzählt die 42-Jährige auf einem belebten Spielplatz in Bern. 

Hier findet das Gespräch statt, damit es der fünfjährigen Luna nicht langweilig wird. Denn heute soll ihre Mama nicht über ihre Beziehung zu ihr sprechen, sondern über jene zu ihren beiden Gottekindern Mara und Chioma.

Die Kinder der Freundinnen 

Bei beiden wurde Flavia Fall Gotte, weil sie mit den Müttern befreundet ist. Mit der Mutter von Mara seit dem Kindergarten. Im Vergleich dazu ist die Freundschaft zu Chiomas Mutter noch relativ jung. 

Die beiden Frauen trafen sich vor zehn Jahren, als sie in einer Kirchgemeinde in einem Treffpunkt für Asylsuchende mithalfen. Ein Einsatz, der ihr Leben veränderte: «Wir lernten dort beide unsere aus Afrika stammenden Partner und späteren Väter unserer Töchter kennen. Diese gemeinsame Erfahrung hat uns verbunden», erzählt Flavia Fall. 

Persönlich kann ich wohl weniger den Glauben, jedoch ganz sicher menschliche Werte wie Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft an Chioma weitergeben.
Flavia Fall, Göttikind von Peter Brandenberger und Gotte von Chioma Gerber

Als sie als Gotte ins Spiel kam, war Chioma schon zwei Jahre alt und hatte bereits zwei Gotten und zwei Göttis: «Die Eltern wollten Chioma taufen lassen, brauchten dafür aber jemanden, der bei einer Landeskirche ist. Im Scherz habe ich angeboten, dieses Bindeglied zur Kirche zu sein. Nach kurzer Bedenkzeit habe ich dann das Amt der zusätzlichen Gotte mit der nötigen Ernsthaftigkeit angenommen.» 

Flavia Fall sagt, sie sei nicht religiös, schätze aber die Arbeit, welche die Kirche im sozialen Bereich leiste. «Diesen Einsatz für andere Menschen trage ich als Mitglied gerne mit.» Ausserdem sei sie gerne in Kirchen und auf Friedhöfen. 

«Persönlich kann ich wohl weniger den Glauben, jedoch ganz sicher menschliche Werte wie Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft an Chioma weitergeben.» 

Das «Dorf» vergrössern 

Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf: Daran hat Flavia Fall auch gedacht, als sie Gotte und Götti für ihre eigene Tochter auswählte. «Unsere Kernfamilie hier in der Schweiz ist sehr klein. Der Grossteil von Lunas Verwandten lebt in Senegal. Ich wollte mit Gotte und Götti Lunas Familie hier erweitern.» Somit fragte sie keine Personen, die schon im «Dorf» lebten. 

In Senegal hat Luna ausserdem für ihren zweiten Namen, Fatou, eine Namenspatin, ihre Tante Fatou. Dort ist es üblich, dass ein Kind den Namen einer Person trägt, welche die Eltern besonders gernhaben und ehren möchten.

Ich hoffe, dass es mir gelingt, über die Jahre eine gute Beziehung zu meinen Gottekindern aufzubauen und zu halten.
Flavia Fall, Göttikind von Peter Brandenberger und Gotte von Chioma Gerber

Als Gotte möchte Flavia Fall vor allem gemeinsame Zeit schenken. «Meine Gottekinder sollen wissen, dass ich für sie da bin. Ich hoffe, dass es mir gelingt, über die Jahre eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen und zu halten.» So hat sie es selber mit ihrer Gotte und ihrem Götti erlebt. 

Ihre Gotte Susanne gehört für Flavia Fall zur Familie, obschon sie nicht blutsverwandt sind. Diese Nähe ist auch entstanden, weil sie Susanne über 40 Jahre lang mindestens einmal pro Woche traf. Sie war bis zur Pensionierung auch Flavias Physiotherapeutin. 

Flavia Fall wurde mit einer Erbkrankheit geboren und ist auf den Rollstuhl angewiesen. «Meine Eltern fragten Susanne vor meiner Geburt, ob sie meine Gotte werden möchte. Ohne zu wissen, dass ihr Beruf für mich später von zentraler Bedeutung sein würde.»

Der «gruusige» Tag 

Zu Götti Peter hat Flavia Fall ebenfalls eine starke Bindung. Er war ein enger Freund ihres Vaters und nahe dabei, als dieser 2019 starb. «Wir können uns gemeinsam an ihn erinnern und über ihn sprechen. Das tut mir gut.» 

Einmal im Jahr gehen Flavia Fall und ihr Götti gemeinsam essen. Immer ins gleiche Restaurant. «Das ist unsere Tradition.» 

An zwei Geschenke erinnert sich Flavia Fall bis heute: Zur Konfirmation reiste sie gemeinsam mit Gotte und Götti nach Wien. Und als sie noch ein Kind war, schenkte ihr der Götti einen «gruusigen» Tag, an dem sie alles machen durfte, das sonst verpönt war, wie zum Beispiel bei McDonald’s essen. «Und ich durfte mir eine Barbiepuppe aussuchen!» 

Flavia Fall findet, Beziehungen würden durch ein Gotte- oder Götti-Amt verbindlicher. Man müsse diese Beziehungen jedoch pflegen, sowohl zu den Eltern als auch zu den Kindern. «Du wirst nur ein Teil des Dorfes, wenn du präsent und verlässlich bist.»