Sie verhilft Frauen zu mehr Unabhängigkeit

Integration

Rahel Waehry bildet Frauen aus schwierigen Verhältnissen  zu Kosmetikerinnen aus – für die Frauen der Start ins selbstbestimmte Leben. 

«Wunderschön» heisst das Kosmetikstudio der Bernerin Rahel Waehry. Dieser Name bringt die Haltung der 40-Jährigen auf den Punkt: «Jeder Mensch ist wunderschön und wertvoll», sagt sie. Und: Jeder Mensch verdiene eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. 

Hier setzt das Herzensprojekt von Rahel Waehry an, der 2020 von ihr mit anderen gegründete Verein Neue Würde. Er ermöglicht Frauen, die bisher keine Möglichkeit hatten, eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Diese Frauen kamen als Geflüchtete in die Schweiz, waren Opfer von Gewalt oder arbeiteten in der Prostitution. Mit dem Diplom als Kosmetikerin haben sie eine Perspektive im Leben.

Schönheitsrituale verbinden 

An die 100 Frauen hat die ehemalige Lehrerin auf diesem Weg schon begleitet. «Für viele war diese Ausbildung nur der Anfang», sagt sie. Die Frauen hätten dadurch Selbstvertrauen gewonnen und gemerkt: «Ich habe ja einen gescheiten Kopf.» 

So habe sich eine Teilnehmerin ausgedrückt, die als 50-Jährige entschied, aus dem Rotlichtmilieu auszusteigen und ihre allererste Ausbildung zu wagen. Die Frau bildete sich danach weiter, heute arbeitet sie in der Pflege. 

Die Idee für das Arbeitsintegrationsprojekt Neue Würde entstand bei einem ehrenamtlichen Einsatz für Geflüchtete. Rahel Waehry besuchte regelmässig ein Asylzentrum, wo sie den Frauen die Fingernägel machte, um ihnen etwas Gutes zu tun. Sie merkte: «Schönheitsrituale, Pflege und Kosmetik sind kulturübergreifend und verbinden Frauen auf der ganzen Welt.»

Ich bin beeindruckt von den Frauen. Sie haben diesen Schritt gewagt und geschafft.
Rahel Waehry

Gleichzeitig sagten ihr viele der Frauen, dass sie gern eine Ausbildung machen würden, sich aber keine zutrauten. «In Schönheitspflege und Kosmetik hatten jedoch viele dieser Frauen gewisse Kenntnisse, sie hatten teils in ihrem Heimatland Behandlungen angeboten.» Sieben Monate dauert der Lehrgang, den Neue Würde anbietet. Es gibt eine Warteliste von Interessentinnen. 

Bewerben darf sich grundsätzlich nur, wer keine in der Schweiz anerkannte Erstausbildung abgeschlossen hat. Finanziert wird die Ausbildung mithilfe der öffentlichen Hand oder durch Spenden. Einen kleinen Selbstbehalt müssen die Teilnehmerinnen aufbringen. 

Starke Frauen 

Wenn Rahel Waehry von all «ihren» Frauen erzählt, die inzwischen als diplomierte Kosmetikerin angestellt sind oder gar ein eigenes Geschäft führen, schwingt Stolz in ihrer Stimme mit. «Ich bin beeindruckt von den Frauen. Sie haben diesen Schritt gewagt und geschafft.» Für uns in der Schweiz sei es selbstverständlich, dass wir lernen dürfen. Viele ihrer Auszubildenden hätten nur ein paar Jahre die Schule besuchen können – wenn überhaupt. «Sie müssen erst lernen, wie man lernt.» Ausserdem haben sie auch Deutschunterricht, in dem sie die technischen Begriffe der Kosmetik üben. 

Ich will etwas zurückgeben, weil ich selber so privilegiert bin.
Rahel Waehry

Rahel Waehrys Verein wurde im Dezember von der Kirchgemeinde Nydegg für seinen Einsatz für mehr Menschlichkeit ausgezeichnet. Als Wohltäterin sieht sich die Initiantin aber nicht: Sie wolle etwas zurückgeben, weil sie selber so privilegiert sei, sagt die dreifache Mutter. Ihr Glaube sei dabei auch wichtig. «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», danach lebe sie. Für die Ausbildung spielt Glaube aber keine Rolle, denn der Verein ist konfessionslos und steht allen Frauen offen. 

Jedes Mal, wenn eine der Frauen ihr Diplom als Kosmetikerin in der Tasche hat, besucht Rahel Waehry sie an ihrem Arbeitsort. «Ich möchte damit meine Wertschätzung für ihren Mut und ihre Arbeit ausdrücken.» Auch die Frauen, die gemeinsam die Ausbildung absolviert haben, bleiben verbunden. Es sei wie ein «Heimkommen», sagte ihr kürzlich eine Frau bei einem Besuch. Wunderschön für alle am Projekt Beteiligten.