Recherche 11. Juni 2021, von Nadja Ehrbar

Sogar die Kaffeetasse erwacht zum Leben

Kultur

Ursula Bienz leitet seit 20 Jahren das Figurentheater Winterthur. Es bestimmt ihr Leben. Und darin spielen auch junge Menschen eine Rolle.

Ursula Bienz steht oft im Rampenlicht. Nämlich dann, wenn sie ihre Figuren über die Bühne tanzen lässt. Doch eigentlich mag sie es nicht, wenn die Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Dabei ist sie schon fast eine lokale Berühmtheit.  

Die 61-jährige Kulturschaffende mit der randlosen Brille und dem vollen, lockigen Haar leitet das Figurentheater in Winterthur nicht nur, sondern verkörpert es auch. Wer ihr begegnet, merkt rasch, wie gut sie Geschichten erzählen kann. 

Im Raum neben der Bühne, der Künstlergarderobe, Materiallager und Kunstwerkstatt in einem ist, greift sie zur weissen Espresso-Tasse. Sie ist mit zwei schwarzen Punkten versehen. Bienz dreht sie um und schon wirkt die Tasse lebendig.

Wenn der Funke springt

Oder sie erzählt von Lektro, einer Marionette mit grünem Overall und Dächlikappe. «Er war schon in den 60er-Jahren mit dem Elektromobil unterwegs», sagt sie. Erschaffen haben ihn ihre Schwiegereltern Trudi und Peter Bienz. Sie haben bereits 1960 das Ensemble und dann 1971 das Theater gegründet. 

Seitdem sitzen unzählige Kinder und Erwachsene im Publikum und schauen sich erfundene Geschichten, klassische Märchen oder literarisches Figurentheater an. Auch Gastensembles treten hier auf.

Bienz durfte schon als 15-Jährige mitmachen und Kulissen umherschieben. Es folgten kleine Figurenrollen, dann wurde sie Mitglied des Ensembles. Sie lernte, wie man Figuren baut und mit ihnen spielt. «Jede von ihnen hat ihre Eigenheit.» Bienz möchte das Publikum unterhalten, aber auch Fragen stellen, zum Nachdenken anregen und Neues aufzeigen. «Wenn wir spüren, dass der Funke springt, sind wir glücklich», sagt sie.

Kindern lernen im Theater auch Angstmomente auszuhalten.
Ursula Bienz, Leiterin Figurentheater Winterthur

Für die Kinder sind die Figuren und belebten Objekte oft der erste Kontakt mit dem Theater überhaupt. «Die Kinder lernen hier auch Angstmomente auszuhalten», sagt Bienz. Das Ziel sei aber, dass sie am Ende der Vorstellung mit einem guten Gefühl nach Hause gingen. Das Theater solle nämlich auch Nahrung für die Seele sein.  

Ihr Haus in Veltheim ist das in einem gewissen Sinne auch. Menschen, die gerade besondere Aufmerksamkeit benötigen, etwa Jugendliche, erhalten bei ihr ein Dach über dem Kopf und Boden unter den Füssen. «Eine Weile wohnen wir zusammen und schauen, wie es weitergehen könnte.» Bienz hat auch für andere Gäste Platz. Ihre vier Kinder sind ausgeflogen.

Ursula Bienz, 61

Die gelernte Kindergärtnerin hatte in einem Maler-Büro und als Sigristin gearbeitet, bevor sie 2001 die Leitung des Figurentheaters übernahm. Sie absolvierte Weiterbildungen in Figurenbau und -spiel, Pantomime und Musik. Ihre Begeisterung gibt sie in Fachkursen und Workshops weiter.

Als die Kinder klein waren, fand Bienz eine Stelle als Sigristin in Veltheim, wo sie auch aufgewachsen ist. Später wurde sie Mitglied der Kirchenpflege und blieb bis vor Kurzem. «Ich war damals dankbar für diese Arbeit und habe sie gern gemacht», erzählt sie. Mit dem Engagement in der Behörde habe sie etwas zurückgeben können. 

Es liegt nahe, dass sich die 61-Jährige Gedanken über ihre Nachfolge im Theater macht. Doch vorerst arbeitet sie an der nächsten Eigenproduktion. Jede Saison entsteht eine neue Inszenierung. Im Oktober startet die nächste Spielzeit.

Das Abschlussfest des 50-Jahre-Jubiläums als internationales Gastspielhaus im Mai fand wegen Corona nur im Kleinen statt – etwa mit einer Ausstellung. Deren Besucher durften einen Blumenstrauss mit nach Hause nehmen und damit sinnbildlich die blühende Kultur in die Stadt hinaustragen.