Das Vermächtnis der gläubigen Königin

Monarchie

Als Oberhaupt der Church of England stärkte die verstorbene Königin Elizabeth II. den interreligiösen Dialog. Ihr Sohn Charles III. dürfte diesen Weg noch entschiedener verfolgen.

Das Privatleben von Queen Elizabeth II. spielte sich weitgehend hinter Palastmauern ab, ihren Glauben aber trug die am 8. September im Alter von 96 Jahren verstorbene Mo-narchin häufig nach aussen. «Ich bitte euch, egal welcher Religion ihr angehört, an dem Tag für mich zu beten»: Mit diesem Wunsch für ihre bevorstehende Krönung schloss die junge Königin 1952 ihre erste Weihnachtsrede an ihr Volk.

Über Jahrzehnte nutzte sie die Ansprachen am 25. Dezember, um ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr 2000 erinnerte sie an die Geburt Jesu als eigentliche Jahrtausendwende, sprach über Kraft, die sie in schweren Zeiten aus dem Glauben schöpfe. Regelmässig ging sie in den Gottesdienst. Zweimal im Jahr soll sie das Abendmahl erhalten haben, ein privater Moment, auf keinem Bild festgehalten.

Im Dienst der Ökumene

70 Jahre war Elizabeth II. nicht nur Oberhaupt Grossbritanniens und der Commonwealth-Länder, auch der Church of England stand sie vor als «Supreme Governor» und «Defender of the Faith» («Verteidigerin des Glaubens»). Eine Zeit, in der die Gesellschaft multikultureller wurde und die Mitgliederzahlen der Staatskirche einbrachen. Diesem Wandel trug sie als Kirchenoberhaupt durchaus Rechnung.

Seit den 60er-Jahren förderte Elizabeth II. den Dialog zwischen den Religionen. Bei einem interreligiösen Empfang 2012 betonte sie, es sei Aufgabe der Church of England, die freie Ausübung aller Religionen zu schützen. «Das war eine bemerkenswerte Veränderung», sagt Philip Williamson, Geschichtsprofessor an der Durham University. Die Königin habe die Aufgabe der Kirche neu definiert und sei von den Erzbischöfen unterstützt worden. 

Eine diplomatische Erfolgsgeschichte

Auch das notorisch schwierige Verhältnis der Church of England zur katholischen Kirche verbesserte sich unter Elizabeth II. Fünf Päpste traf die Königin in ihrer Funktion als Staatsoberhaupt. Sie sei im Vatikan hoch angesehen gewesen und die Beziehungen eine «diplomatische Erfolgsgeschichte», schreibt Autorin Catherine Pepinster in ihrem Buch «Defenders of the Faith». 

Vieles spricht dafür, dass der neue König Charles III. den Kurs seiner Mutter weiterführen, gar noch verstärken wird. Ihm wird seit jeher ein grosses Interesse an Spiritualität nachgesagt. Sakralräume faszinieren ihn, auf seinem Anwesen liess er sich zur Jahrtausendwende einen eigenen bauen.

Charles auf Sinnsuche

Mehrfach reiste Charles in die orthodoxe Mönchsrepublik Athos. Dem Islam näherte er sich durch sein Interesse für Architektur. «Keine Kultur kann die gesamte Wahrheit für sich beanspruchen, wir sind alle Suchende», sagte er 2017 bei der Einweihung des islamischen Zentrums der Oxford University.

Seine Offenheit gegenüber anderen Religionen sorgte in Teilen der Church of England für Befremden. 1994 erklärte der Thronfolger in einem Radiogespräch, er sehe sich weniger als Verteidiger des Glaubens, vielmehr sei er ein Verteidiger der Gläubigen und somit aller Religionen. Inzwischen gilt es als unbestritten, dass auch er den Titel «Verteidiger des Glaubens» tragen wird. Dennoch könne er die Religionsfreiheit schützen, stellte er Jahre nach der einstigen Äusserung klar. 

Segen für die zweite Ehe

Sein Verhältnis zur Church of England galt zeitweise als getrübt. Die Kirche versagte dem geschiedenen Prinzen bei der zweiten Heirat mit der ebenso geschiedenen Camilla Parker Bowles die Hochzeitszeremonie. Es blieb bei einer Segnung.

Mittlerweile sei dies kaum mehr relevant, sagt Williamson. Stattdessen zeige Charles III. zur Schöpfungsthematik eine besondere Nähe. Ein Leben im Einklang mit der Natur ist ihm wichtig, er gilt als Pionier der Bio-Landwirtschaft. 

Viel religiöses Personal zur Krönung

Mit Spannung erwartet wird die Krönungszeremonie. Der Monarch stellt sich dabei in den Dienst Gottes und der Nation. In der Tradition der Könige Israels wird er mit Öl gesalbt. Zentraler Bestandteil war bislang das Abendmahl. Williamson geht davon aus, dass es Teil der Zeremonie bleibt.

Um den gesellschaftlichen Wandel zu abzubilden, dürften sich die Repräsentanten anderer Konfessionen ebenfalls einbringen. Dass der Krönung Vertreter anderer Religionen beiwohnen werden, gilt als ausgemacht.