Der EU-Migrationspakt wurde von vielen Regierungen der Mitgliedsstaaten und auch der Schweiz als Durchbruch gefeiert. Ist er einer?
Maximilian Pichl: Dieser Kompromiss wurde deshalb so gefeiert, weil seit 2016 darüber verhandelt wurde und kaum noch jemand mit einer Einigung gerechnet hat. Dass die geplante Reform die Lage an den Aussengrenzen verbessern wird, sehe ich allerdings nicht. Im Gegenteil, dieser Kompromiss wird viele Probleme, die wir jetzt schon sehen, vertiefen und zu mehr Gewalt führen.
Wie schätzen Sie die Lage an den Aussengrenzen ein?
In erster Linie sehen wir, dass die Rechte und auch die Verpflichtungen, auf die sich die EU im Umgang mit Flüchtlingen geeinigt hat, systematisch missachtet werden. Es finden völkerrechtswidrige Pushbacks statt, bei denen Menschen in Staaten zurückgedrängt werden, die nicht sicher sind. Die Menschen bekommen keinen Zugang zu einem richtigen Asylverfahren. Das Bittere ist, dass die EU-Kommission, die eigentlich die Hüterin der Werte und der Rechtsstaatlichkeit in der EU ist, viele dieser Entrechtungen duldet und sie nicht beendet.
