Der Sozialdiakonie fehlen die Fachkräfte

Kirche

Kindersingen, Mittagstisch oder Tanzen für Senioren: Sozialdiakone halten das kirchliche Leben am Laufen. Doch es wird schwieriger, Menschen für den Beruf zu begeistern. 

Freude und Frust liegen nahe beieinander im Alltag der Sozialdiakoninnen und -diakone. Das zeigen die Stichworte auf dem Flipchart. Die Mitglieder des Diakonatskapitels Zürich Unterland haben sie gesammelt. Es geht um die Frage, was sie im Job stärkt und was Kraft raubt. Teamgeist, Glaube, Gestaltungsspielraum stehen beim Plus. Die Schattenseite: komplexe Strukturen, Arbeit an Wochenenden oder Abenden, Lohnungleichheit. «Unser Ziel ist, zu schauen, wie die Kirchgemeinden bessere Arbeitgeberinnen werden», sagt Jacqueline Käs, Sozialdiakonin und Dekanatskapitel-Co-Leiterin im Vorfeld der Veranstaltung. «Viele haben Nachholbedarf.»

Die Übung ist weniger Gedankenspiel als Notwendigkeit. Nicht nur beim Pfarramt, auch in der Sozialdiakonie ist die Stellenbesetzung eine Herausforderung. Das zeigt eine aktuelle Erhebung von Diakonie Schweiz, der nationalen Dachorganisation für Diakonie der reformierten Landeskirchen. In der Deutschschweiz beurteilen die Kantonalkirchen demnach die Personalsuche mehrheitlich als schwierig bis sehr schwierig. 

«Es gibt oft nur eine Handvoll Be­werbungen auf Ausschreibungen.»
Matthias Walther Präsident Diakonatskapitel Zürich

Auf Nachfrage räumen Personalverantwortliche auf dem Land wie in der Stadt häufig über Monate unbesetzte Stellen ein. Mit der Folge, dass Angebote, etwa in der Jugend- oder Altersarbeit, ausfallen. «Oft bekommen wir auf Ausschreibungen nur eine Handvoll Bewerbungen», sagt der Präsident des Diakonatskapitels Zürich, Matthias Walther. 

Entlastung ist nicht in Sicht. In der Sozialdiakonie arbeiten viele Personen, die bald in Rente gehen. In den nächsten zehn Jahren müssen in der Deutschschweiz allein deswegen geschätzte 240 Stellen neu besetzt werden, wie Diakonie Schweiz vorrechnet. Im Kanton Zürich sind es bis ins Jahr 2027 schon 32 Stellen. Die Kirche buhlt gemeinsam mit Firmen, Verbänden und Organisationen um Sozialarbeiter. Entscheiden sich diese für die Kirche, schulen sich einige für das kirchliche Umfeld weiter, etwa mit dem CAS, den die Zürcher Landeskirche und die ZHAW entwickelt haben.

Bei Ausbildungskosten ansetzen

Zugleich gibt es Ausbildungsstätten, die speziell auf das Berufsbild Sozialdiakonie ausgerichtet sind, wie die höhere Fachschule TDS Aarau. Doch auch ihre Absolventinnen können den Personalmangel nicht ausgleichen. «Die Rahmenbedingungen gilt es dringend zu verbessern», fordert Leonie Ulrich, Bereichsleiterin Diakonie und Generationen bei der Zürcher Landeskirche. Einen Hebel sieht sie bei der Zusammenlegung von Stellenpensen. Denn Ausschreibungen mit höheren Prozenten gelten als attraktiver. 

Auch bei den Löhnen sieht Ulrich Überprüfungsbedarf – innerhalb der Kirche wie im externen Vergleich. Zwar gibt es Vorgaben der Landeskirche, an denen sich Kirchenpflegen bei Einstellungen orientieren. Im Gespräch mit den Mitarbeitenden aus dem Diakonatskapitel Zürich Unterland wird jedoch deutlich, dass die unterschiedliche Einstufung mancherorts Fragen aufwirft.

Den wichtigsten Hebel sehen die Sozialdiakone in der Nachwuchsförderung. Einen neuen Ansatz versucht nun die Kirchgemeinde Zürich. Bei Mitarbeitenden, die sich berufsbegleitend ausbilden lassen, übernimmt sie neu 75 Prozent der Ausbildungskosten. Ein Schritt, den sich kleine Kirchgemeinden wohl nicht immer leisten könnten. Daher steht eine finanzielle Beteiligung der Landeskirche im Raum. «Eine konkrete Massnahme, die zu prüfen wäre», so Leonie Ulrich.