Die Pilger bleiben auf der anderen Seite

Tourismus

Jordanien versucht, Pilger an die Stelle am Jordan zu locken, an der Jesus einst getauft wurde. Doch auf israelischer Seite herrscht viel mehr Betrieb.

Träge zieht das modrige Wasser des Jordans vorbei. Gelangweilt blickt der Soldat von der jordanischen Seite der Taufstelle Jesu zum ­israelischen Ufer. Junge Spanier spritzen sich Wasser ins Gesicht, lachen und stossen gellende Schreie aus, während eine Gruppe orthodoxer Russen mit ernster Miene und gemessenen Schrittes die Treppe zum Jordan hinuntersteigen. Mit ihrem weissen Büssergewand, auf der Brust eine Ikone aufgedruckt, steigen sie ins gelbgrüne Wasser.

Maria-Sure auf dem Handy

Der Soldat mit seiner geschulterten Maschinenpistole markiert hier, dass durch den nur sechs Meter breiten Fluss eine Staatsgrenze verläuft. Einzig eine Bojenleine mit gelben Styroporkugeln trennt hier Jordanien von Israel.

Der Soldat stellt sich als Muhammed vor. Er hat sich seit zwei Tagen an der Taufstelle niedergelassen. Englische Brocken und vor allem Gesten lassen Sympathie, aber kein Gespräch aufkommen. Dann sagt der Uniformierte: «Mirjam, Mirjam». Er spielt auf dem Handy die Maria-Sure aus dem Koran ab.

Die Geschichte mit dem Russen, der vor zwei Wochen über die Trennleine schwamm und von Muhammed verhaftet wurde, hat eine Libanesin erzählt. Der freundliche Muhammed kann also auch zupacken.

Ansonsten ist sein Alltag wenig spekatukulär. Vor seinen ­Augen vollzieht sich das immergleiche Ritual: Unerschrocken tauchen Pilgerscharen ins schmutzige Nass, das laut Laboranalysen ein hochgefährlicher Mix aus Kolibakterien und Pestiziden sein soll. Auf der israelischen Seite stehen für die Getauften immerhin Duschen bereit. Überhaupt hat dort die Verwaltung alles supermodern aufgemöbelt.

Der Kronjuwel verblasst

Die von Muhammed bewachte Taufstelle, eigentlich ein Kronjuwel des jordanischen Bibeltourismus, ist aus Holzlatten zusammengezimmert. Zur rustikalen Ambiance will die Frau im eleganten Kostüm nicht so recht passen. Die Libanesin ist mit ihren Zwillingen, ihrer Familie und einem maronitisch-katholischen Priester angereist.

Der in eine schwarzer Kutte gekleidete Geistliche beginnt unverzüglich mit seinem Sprechgesang. Die Täuflinge antworten, indem sie zu brüllen anfangen. Nervös sucht die junge Mutter in ihrer Gucci-
Tasche die Schoppenfläschchen. Schliesslich werden die Zwillinge zum Jordan getragen.

Der Priester steht am schlammigen Ufer, rutscht beinahe aus. Dann träufelt er ­eine Handvoll Wasser über die Köpfchen. Das Kleinkindergeschrei übertönt den Singsang vom gegenüberliegenden Ufer. Auch das Winken des Taufpaten kann die Täuflinge nicht beruhigen. So werden die auf die Namen Maria und Jaco Getauften sich später als zwei heulende Häufchen im Fotoalbum finden.

Weniger Anziehungskraft trotz Unesco-Label

Inzwischen ist es wieder ruhig. Nur manchmal kommt ein staatlich lizensierter Touristenführer mit ­einer Reisegruppe hier vorbei. Die Anziehungskraft der israelischen Taufstelle ist bedeutend stärker. Trotz aller Anstrengungen Jordaniens. Drei Päpste haben die jordanischen Behörden an die Taufstelle gelockt. 2015 erhielt der Ort das offizielle Unesco-Siegel als Weltkul­tur­erbe. Damit war der Streit entschieden, auf welcher Jordanseite die Original-Taufstelle liegt.

König als Promotor

Der jordanische König hat sich selbst als Promotor für den Pilgertourismus engagiert. Die christlichen Kirchen wurden eingeladen, Wallfahrtskirchen zu bauen. Mit grosser Kelle haben die Katholiken angerichtet. Eine riesige Kuppel­kirche wurde rasch hochgezogen, bevor Papst Fanziskus zu Besuch kam.

Seither steht der Rohbau verlassen. Rohre, Armierungseisen und Kabel sind mit Taubenkot überzogen. Und in Sichtweite funkelt der gol­dene Zwiebelturm des russischen Klosters mit seiner Pilgerherberge für 98 Gäste. Die Zimmer sind kaum besetzt. Wladimir Putin hat als Hüter der orthodoxen Christenheit die Anlage eingeweiht und es an Geld nicht mangeln lassen.

Gestörte Ruhe am Fluss

Cindy und Kate aus Chicago sind derzeit die einzigen Gäste im Kloster. Die beiden Lutheranerinnen erzählen von einem unliebsamen Erlebnis mit dem Grenzsoldaten Muhammed. Als sie sich in der Abendstunde an die Taufstelle ganz ohne Touristen begaben, tauchte er plötzlich auf und liess sie in den Lauf der Maschinenpistole schauen. Beide sind heute davon überzeugt: Jesus kommt man im wüstenhaften Gelände ringsum näher als an der Taufstelle.