Eigentlich stand Armeniens Kirche seit dem Ende der Sowjetunion treu an der Seite der Regierung. Das Verhältnis war so eng, dass an ihr Vorwürfe wegen Geldwäsche und Korruption und bis hin zu Verbindungen zur Kriminalität kleben blieben.
Die Vertreibung
Dass Katholikos Karekin II. nun vor Gericht steht, hat mit dem Filz der Vergangenheit aber nichts zu tun. Vielmehr ficht das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche einen erbitterten Machtkampf mit Ministerpräsident Paschinjan aus, der die Parlamentswahlen im Juni klar gewonnen hat.
Karekin kreidet der Regierung insbesondere den Verlust der Region Bergkarabach an. Vor drei Jahren überrannten aserbaidschanische Truppen das Gebiet. Rund 100 000 Armenierinnen und Armenier mussten fliehen, die Spuren christlichen Lebens drohen ausgelöscht zu werden.
Öffnung nach Westen
Paschinjan verfolgt eine prowestliche Agenda und will sich von Russland emanzipieren. Der Preis dafür ist ein Deeskalationskurs gegenüber Aserbaidschan und der Türkei und damit wohl die Aufgabe aller Ansprüche auf Bergkarabach.
Angeklagt wurde Karekin, weil er ein früheres Gerichtsurteil ignoriert hat. Der Bischof Geworg Sarojan hatte erfolgreich gegen seine Absetzung geklagt. Doch die Kirchenführung liess sich nicht beeindrucken und entzog dem internen Kritiker die Leitung des Bistums Masjatsotn.
Kritik des Weltkirchenrats
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat das neue Gerichtsverfahren als «unzulässige Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten» kritisiert. Allerdings hatte Karekin den amtierenden Ministerpräsidenten umgekehrt auch schon mehrfach zum Rücktritt aufgefordert und sich damit auf die Seite der Opposition geschlagen. Paschinjan wiederum wirft den Kirchenfürsten vor, Agenten Moskaus zu sein.
Die armenische Identität ist stark mit dem Christentum verbunden. Die Wurzeln der Kirche reichen über 1700 Jahre zurück.
