Muss das Kopftuch nicht als patriarchales Symbol der Unterdrückung gelesen werden?
Für gewisse Kulturen gilt das bestimmt. Aber wenn eine Frau sagt, sie trage das Kopftuch freiwillig und verstehe es als Ausdruck ihrer religiösen Identität, sollten wir ihr zunächst einmal zugestehen, dass dem so ist. Als Religionsgemeinschaften, die dem Rat der Religionen angehören, verpflichten wir uns in der Stellungnahme, dass unsere Mitglieder frei darin sind, religiöse Symbole zu tragen oder nicht. Und sie dürfen keine Diskriminierung erfahren, wenn sie religiöse Symbole ablegen.
Dass Eltern auf Mädchen Druck ausüben können, ein Kopftuch zu tragen, lässt sich nicht bestreiten.
Der Rat der Religionen wendet sich entschieden gegen jeden Zwang. Das gilt für muslimische Eltern genauso wie für christlich konservative Eltern, die ihre Mädchen dazu anhalten, mit Zöpfen und im langen Röckchen zur Schule zu gehen. Der Rat richtet an diese Eltern die kritische Anfrage, was sie ihren Kindern damit zumuten.
Eine Hintertür lässt der Rat der Religionen dennoch offen, indem er «anerkennt, dass die konkreten Situationen unterschiedlich sein können». Bedeutet das, dass ein Verbot doch gerechtfertigt sein kann?
Der Rat würdigt damit die kantonale Zuständigkeit im Bildungsbereich. Zudem kann die Situation je nach Zusammensetzung einer Schulklasse kippen, und Kinder, die sich nicht zu einer Religion bekennen, können unter Druck geraten. Dann können Verbote nötig werden, weil Kinder geschützt werden müssen. Religiöse Symbole dürfen nie zur Machtdemonstration missbraucht werden.
Der Zürcher Kantonsrat hat eine Motion überwiesen, die in Kindergärten und Schulen ein generelles Kopftuchverbot verlangt. Das Verbot wird damit begründet, dass sich die Volkschule an «christlichen, humanistischen und demokratischen Werten» orientiere. Müsste die Kirche nicht die Verteidigung christlicher Werte unterstützen, statt das Kopftuchtragen zu verteidigen?
Als christliche Kirchen haben wir die Gesellschaft und die liberale Grundordnung mitgeprägt. Die Freiheit, sich öffentlich zu einer Religion zu bekennen, sich aber auch davon zu distanzieren, ist eine grosse Errungenschaft. Als Kirchen profitieren wir von dieser Bekenntnisfreiheit, und es wäre falsch, sie anderen Religionsgemeinschaften vorenthalten zu wollen.
Die christlichen Werte sind nicht bedroht?
Mit Verboten können wir unsere Werte nicht bewahren. Wir müssen uns mutig und selbstbewusst dazu bekennen und wieder sprachfähig werden für das, was uns in unserem Glauben und in unserer Werthaltung wichtig ist. Im Schulsystem wollen wir nicht hinter die Grundwerte, wie sie im Lehrplan 21 festgehalten sind, zurück: Chancengleichheit, Gleichstellung, religiöse und politische Neutralität der Schule, Verbote sind in einer liberalen Gesellschaft keine Lösung, sie spitzen die Problemlage nur zu.