Herr Schulze, was haben Sie am 11. September 2001 gemacht?
Ich bekam damals einen Telefonanruf und wurde gebeten, die Anschläge zu kommentieren. Sehr schnell war klar, dass dieses Ereignis weit über diesen einen Tag hinausreichen würde.
Was hat dieser Tag dauerhaft verändert?
Bis dahin herrschte in vielen westlichen Gesellschaften ein grosser Optimismus. Man hatte das Gefühl, in einer regelbasierten Welt zu leben, in der selbst schwierige Konflikte verhandelbar und letztlich politisch bewältigbar sind. Dieser Optimismus, wie ihn damals etwa auch der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkörperte, wurde am 11. September massiv erschüttert. Seitdem ist das Vertrauen in eine vernünftig organisierbare Gegenwart deutlich geschwächt.
Wie stark prägt 9/11 bis heute unseren Blick auf den Islam?
Sehr stark. Vor 2001 war der Islam im europäischen Diskurs eine eher unbekannte Grösse, teilweise sogar eine ästhetisch positiv besetzte. Ich erinnere mich an einen NZZ-Artikel aus jener Zeit, in dem ein Minarett als elegante Bereicherung der Stadtarchitektur beschrieben wurde. Nach dem 11. September entstand ein völlig anderer Deutungsraum. Der Islam wurde nun sehr viel stärker über Terror, Gefahr und Bedrohung wahrgenommen.
Islam und Islamismus werden seither miteinander vermischt. Was ist daran problematisch?
Weil dadurch eine ganze Religion aus der Normalität herausgenommen wird. Sie wird nicht mehr unter denselben Voraussetzungen beurteilt wie andere Religionen, sondern erfährt eine Art Sonderbehandlung. Nach 9/11 wurde der Islam teilweise als eine Religion definiert, von der eine potenzielle Gefahr ausgeht. Das ist ein grundlegender Wandel.
Musliminnen und Muslime gerieten damit unter Generalverdacht?
Ja. Und dieser Generalverdacht wirkt bis heute nach. Wenn eine Religion über Jahre hinweg vor allem in den Kategorien Terror, Sicherheit und Bedrohung verhandelt wird, prägt das zwangsläufig auch den Blick auf die Menschen, die ihr angehören.
Stichwort Terror. Wie gross ist die Gefahr islamistischer Anschläge heute noch? Könnte sich ein Anschlag in der Dimension von 9/11 wiederholen?
Die konkrete Form wäre vermutlich eine andere. Entscheidend ist aber die Asymmetrie: Mit relativ geringem Aufwand lässt sich eine enorme politische und gesellschaftliche Wirkung erzielen. Durch Drohnen, digitale Technologien und neue Formen von Gewalt hat sich dieser Möglichkeitsraum sogar erweitert. Insofern würde ich nicht sagen, dass ein Ereignis mit vergleichbarer Wirkung heute ausgeschlossen wäre.
