Welche Atmosphäre herrscht nun, mit etwas zeitlichem Abstand zur Brandkatastrophe, in Crans-Montana?
In unserer Gemeinde überlagern sich zwei Wirklichkeiten. In der Wintersaison ist Crans-Montana mit seinen vielen Gästen eine andere als im übrigen Jahr. Bereits am Morgen nach der Katastrophe nahm das touristische Leben wieder Fahrt auf. Urlauber gingen Skifahren und genossen die Ferien. Parallel dazu ist Crans-Montana ein Dorf wie viele andere, in dem jeder jeden kennt. Man weiss, wer der Besitzer des betroffenen Hauses und wer der Wirt der Bar ist. Man kennt die Menschen von der freiwilligen Feuerwehr, die Sanitäter, die Gemeinderäte. Daher fühlen sich wohl alle in irgendeiner Weise betroffen. Die lokale Bevölkerung ist sehr bestürzt.
Wie haben Sie die ersten Stunden am Morgen des 1. Januars erlebt?
Ich war zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht in Crans-Montana, ging aber am frühen Nachmittag des Neujahrstages ins Kongresshaus, in dem die Angehörigen untergebracht und betreut wurden. Ich habe Eltern von Opfern getroffen, die dann tagelang in Ungewissheit ausharren mussten, ob ihr Kind noch lebt oder nicht. Wir von der reformierten Gemeinde sorgten noch am selben Tag dafür, dass unsere Kirche allen offenstand, die einen Raum der Stille und Andacht suchten. Ich war selbstverständlich vor Ort. Unter anderem kam eine Gruppe von rund 15 Italienerinnen und Italienern, um sich in einer gemeinsamen Andacht zu sammeln.
Was bot Ihre Kirchgemeinde in diesen Tagen an?
Am Samstag organisierten wir eine Abendwache mit Gedichten, Gebeten und Momenten der Stille.Am Sonntag fand nach einer ersten Messe am Abend des 1. Januars eine weitere in der katholischen Kirche statt, diesmal mit den drei Bischöfen. Mein Kollege aus Gilles Cavin aus Sierre überbrachte im Namen der protestantischen Kirche der Schweiz eine Botschaft an die Anwesenden. Ich habe danach hier in unserer Kirche ebenfalls einen Gottesdienst gehalten. Die Kirche war voll. Normalerweise feiert man beim ersten Gottesdienst im Januar das neue Jahr, man wünscht einander alles Gute. Das war dieses Mal natürlich nicht der Geist des Gottesdienstes. Alle waren in Trauer.
Wie haben Sie den Gottesdienst dieser schwierigen Situation angepasst?
Wir haben zusammen im Gedenken an die Opfer gebetet. In der Predigt sprach ich auch darüber, wie unterschiedlich Nähe wirkt. Wenn eine ähnliche Katastrophe in New York oder London geschieht, sehen wir dies in den Nachrichten im Fernsehen. Der Bericht dauert etwa eine Minute, dann folgt das nächste Thema. Man ist kurz betroffen, stösst dann aber aufs neue Jahr an. Findet eine solche Katastrophe aber nebenan statt, erhalten die Opfer und ihre Angehörigen ein Gesicht. Das ändert alles.
Ist es derzeit auch ihre Aufgabe, den Menschen, die Zeugen der furchtbaren Ereignisse waren und eventuell traumatisiert sind, beizustehen?
Nicht nur die Opfer und Angehörigen, auch die jungen Feiernden, die Zeugen des Dramas wurden, die Feuerwehrleute und die Polizistinnen und Polizisten waren rasch betreut von einem Team von Psychologen. Derzeit werden Strukturen für eine längerfristige Traumabegleitung aufgebaut, unter anderem mit Expertinnen und Experten aus einer entsprechenden Reha-Klinik. Die ersten sechs Monate spielen eine zentrale Rolle. Bleibt ein Trauma in dieser Phase unbearbeitet, begleitet es viele Betroffene das ganz Leben. Wir begleiten natürlich unsere Mitglieder aus der Kirchgemeinde seelsorgerisch, aber wir sind nicht involviert in spezifische Traumabewältigung.
Aber es kommen Leute zu Ihnen in die Kirche, um über das Geschehene zu sprechen, sich auszutauschen?
Natürlich. Bisher besteht meine Hauptaufgabe aber nicht unbedingt darin, einen Dialog zu führen, sondern zuzuhören. Das ist es, was die Leute benötigen: Das Erlebte erzählen, die quälenden Gedanken loswerden und so mit dem Verarbeiten beginnen.
Haben Sie etwas Ähnliches schon einmal erlebt?
Ich bin nun seit 45 Jahren Pfarrer, und ich habe schon viele traurige Augenblicke erleben müssen. Zum Beispiel ist es ähnlich traumatisierend, wenn Menschen eine geliebte Person nach einem Suizid auffinden. Ich hatte oft mit Menschen zu tun, die ihre Liebsten auf tragische Art und Weise verloren. Es ist jedes Mal schlimm. Das nun ist anders, nämlich ein kollektives Trauma. Das bedeutet allerdings auch, dass die Menschen sich gegenseitig Halt geben und sich in ihrer Traumabewältigung unterstützen können. Der Unterschied zu individuellen Tragödien ist, dass bei einer Katastrophe von solchem Ausmass sofort grosse professionelle Strukturen zur Hilfestellung aufgebaut werden
Die Walliserinnen und Walliser sind «geübt» im Umgang mit Naturkatastrophen. Diese Brandkatastrophe jedoch ist menschengemacht. Was ändert das im Umgang mit Trauer und Verarbeitung?
Naturkatastrophen lassen sich eher als unabwendbar akzeptieren. Bei dieser Katastrophe liegt der Fall offensichtlich ganz anders. Viele Menschen stellen die Frage nach der Verantwortung für das Desaster. Sie suchen nach Ursachen und richten den Blick auf die Gemeinde oder auf Kontrollorgane. Schnell entsteht eine Suche nach Schuldigen. Aus der Sicht eines Mannes der Kirche gehe ich das anders an. Aber auch ich frage mich, wie es zu so einer Katastrophe kommen konnte und ob sie sich nicht hätte verhindern lassen.
Die Öffentlichkeit sucht und braucht Schuldige…
Ja. Und ich denke, das Ausmachen von Schuldigen gehört zum Trauer- und Verarbeitungsprozess. Denn es vermittelt ein Gefühl der Erleichterung. Als Vertreter der Kirche und des Glaubens möchte ich die Botschaft vermitteln: Es gibt wohl Verantwortliche, die Fehler begangen haben. Aber man darf diese Personen nicht ein Leben lang zum Sündenbock stempeln.
Kann der christliche Glaube helfen, besser mit der Katastrophe umzugehen und zu verzeihen?
Unser Glaube hilft uns, schwere Prüfungen zu überstehen und die Last des Lebens in Krisensituationen zu tragen. Genauso wie er uns auch das Glück erleben lässt.
Was werden Sie in den kommenden Tagen tun?
Heute Freitag steht nun der nationale Trauertag an. Ich werde in unserer Kirche sein, um die Menschen willkommen zu heissen, die sich hier für die Andacht zurückziehen wollen. Weitere spezielle Aktionen planen wir nicht. Man muss auch bedenken: Die meisten direkt betroffenen Familien sind nun nicht mehr in Crans-Montana. Einerseits, weil sie bei ihren Kindern in den Spitälern sind, andererseits, weil der Grossteil ja gar nicht aus Crans-Montana ist.
Kehrt der Alltag bereits zurück ins Dorf?
Das Leben nimmt seinen Gang, ja. Aber wir sind uns durchaus bewusst, dass sich das Trauma und der posttraumatische Zustand tief in unsere Gemeinde einprägen wird. Sie wird, vor allem jeweils zu Neujahr, nicht mehr dieselbe sein. Ich habe einen befreundeten Priester im niederländischen Volendam. Dort geschah am Morgen des Neujahrstags 2001 ein ähnliches Drama mit 14 Todesopfern und 200 Verletzten. Er sagte, das sei immer noch präsent in seiner Gemeinde. Das wird in Crans-Montana nicht anders sein. Und auch unsere Kirchgemeinde wird mit diesem Trauma leben müssen. Wir werden sehen, wie wir damit umgehen.
