«Atlas der Reproduktion»: So sperrig der Titel wirkt, so wenig soll er vom Besuch der Ausstellung in Bern abhalten. Diese ist nicht nur informativ, erhellend, schön, gut gemacht und nicht überladen, sondern auch in hohem Mass berührend. Und das zurecht, denn es geht um ein fundamentales Lebensthema: das Kinderkriegen.
Gemeint ist damit aber nicht die praktische Sexualität von Menschen. Vielmehr stehen Menschen und Umstände im Zentrum, die oft überschaut und vergessen gehen. Der Blick richtet sich auf die sogenannten reproduktiven Rechte. Diese Menschenrechte garantieren allen Menschen, frei, selbstbestimmt und ohne Diskriminierung zu entscheiden über ihren Körper, ihre Sexualität und die Frage, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten.
Schicksale ins Bewusstsein geholt
Oder mit konkreten Fragen: Wer darf Kinder haben unter welchen Bedingungen? Und: Wer wird dabei unterstützt – und wer daran gehindert? Diese führen zu den ausgewählten Situationen: Kinderkriegen im Schweizer Asylzentrum, Sterilisation in Mexiko, marokkanische Mütter in Spaniens Beerenplantagen und ihre Kinder im Heimatland, Leihmutterschaft in Russland, Adoption aus Sri Lanka in die Schweiz, Alltag in einer spanischen Reproduktionsklinik, Schwangerschaftsabbrüche in Polen.
Dem für viele so selbstverständlich scheinende Lebensabschnitt mit dem Kindermachen, Gebären und Aufziehen wird quasi sanft der Boden unter den Füssen weggezogen – und zwar gleich beim Eintritt in den grossen Saal des Berner Kornhausforums. Quasi als Empfang fallen langgestreckte, grosse gelbe Stoffbahnen ins Auge, die von der Decke herabhängen und kurze Fragen stellen.
Fragen, die anregen
Schon diese haben es in sich. «Wie verhütest du, und wer bezahlt dafür?», heisst es etwa. «Ist Leihmutterschaft Ausbeutung oder Befreiung?» «Würdest du ein Kind adoptieren?» «Was würdest du alles tun, um ein Kind zu bekommen?» «Gibt es ein Menschenrecht auf ein Kind?» «Wie viele Eltern kann ein Kind haben?»: Das sind nur ein paar der auf Deutsch und Englisch verfassten Fragesätze. Und sie nehmen Besucherinnen und Besucher ganz persönlich praktisch bei der Hand ins Thema.
