Ein offenes Haus und Gemeinschaft bis zuletzt

Schlusspunkt

Im evangelischen Theologiekurs erlebt Redaktorin Veronica Bonilla eine Gemeinschaft, die einander auch in belastenden Lebenssituationen trägt.

Er kam immer ein bis zwei Stunden zu früh, setzte sich im Haus der Zürcher Landeskirche am Hirschengraben auf die Bank im Eingangsbereich. Freundlich begrüsste er die Vorbeigehenden, war offen für ein Gespräch, auch ich wechselte gerne ein paar Worte mit ihm. Christian ging am Rollator, seine Füsse steckten bei fast jedem Wetter in Crocs. Dass ihm seine Gesundheit je länger, je mehr zu schaffen machte, verheimlichte der 80-Jährige nicht. Trotzdem fehlte er selten. Der evangelische Theologiekurs, den er jeden Mittwochabend besuchte, bedeutete ihm viel. Er war ihm zu einer Art Familie geworden, wie er sagte.

Plötzlich blieb sein Platz leer, und wir fragten uns, was wohl mit ihm sei. Die Kursleitung rief ihn an, schrieb – erhielt keine Antwort. Weil wir wussten, dass Christian seit dem Tod seiner Partnerin vor mehreren Jahren allein lebte, kamen wir überein, dass ich bei ihm vorbeischauen würde. Er wohnte bloss eine Tramhaltestelle entfernt von mir.

In seiner Wohnung brannte Licht, doch niemand öffnete. Auch seine Nachbarn hatten den pensionierten Tierarzt schon länger nicht gesehen. Weil die Tür unverschlossen war, betrat ein Nachbar die Wohnung, und unsere schlimmste Vermutung bestätigte sich. Die herbeigerufene Polizei konnte nur noch Christians Tod feststellen. Sein zuletzt von Mühseligkeit geprägtes Leben hatte ein Ende gefunden. Ich fühlte Trauer, aber ebenso Akzeptanz.  

Wenige Wochen später trafen wir uns an seinem Grab, die Nachbarn, ein paar Leute von Christians Turngruppe, Kirchgängerinnen, wir vom Theologiekurs. Christian hatte sich gewünscht, hier auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt zu werden. In den Abschiedsworten von Pfarrerin Tania Oldenhage, die ihn von seinen regelmässigen Besuchen in der Johanneskirche gut kannte, lebte Christian vor unserem inneren Auge nochmals auf. Sein Ringen mit Gott, sein unermüdliches Suchen und Erkennen hatten ihn durch seine letzten Jahre begleitet und gleichzeitig getragen. Er habe Gott nun auch als zärtlich erfahren, erzählte er Oldenhage noch kurz vor seinem Tod.  

Christian hatte in der reformierten Kirche ein offenes Haus gefunden, wo sein Bedürfnis nach spiritueller Nahrung und Austausch gehört wurde. Wie tröstlich, dass dieselbe Kirche Rituale kennt, um einen Menschen würdig zu verabschieden, ihm das letzte Geleit zu geben. Danke, lieber Christian, für alles.