Meinung 28. Januar 2026, von Dana Grigorcea

Die Anmut und das bare Elend

Kolumne

Die Schriftstellerin Dana Grigorcea schreibt für «reformiert.» über das Thema «Heimat ist überall» und erzählt in ihrer neusten Kolumne von einer Lesereise nach Indien.

Den Komfort habe ich stets geschätzt, deshalb bin ich Schriftstellerin geworden. Die Realität in Worte zu fassen, gibt mir das Gefühl von einem Komfort, und überhaupt liest sich die Literatur in bequemer Haltung, eine duftende Teetasse in Reichweite. Auf Lesereise schätze ich schöne Hotels, und ich erinnere mich an das Hotel im indischen Varanasi, unweit des Alice-Boner-Hauses, direkt am Ganges: hell und geräumig, mein Zimmer gar zweiteilig.

Die Schwelle zum Traum

Die Stadt war überschwemmt, wir hatten das Hotel über Dachterrassen erreicht, auf denen farbige Wäsche hing. In der Nacht weckte mich ein Tropfen aus dem Flügelventilator. Ich zog den Hausmantel an, um mich bei der Rezeption zu beschweren, trat aber im Flur auf jemanden – und als ich Licht machte, sah ich am Boden die Hotelangestellten schlafen, in ihrer Arbeitskleidung.

Ich ging zurück ins Zimmer und schaltete den Ventilator aus. Es wurde stickig, also öffnete ich das Doppelfenster. Da klangen Stimmen zu mir herauf, unter meinem Fenster sassen drei junge Männer auf einem Tisch und unterhielten sich heiter. An der Schwelle zum Traum meinte ich, sie zu kennen.

Das enge Aneinander

Am Morgen gingen die Leute durch das Wasser, als wäre es gar nicht da – sie lenkten die Fahrräder hindurch, manch kleinem Schüler in Uniform reichte das Wasser bis unter die Achseln. Auf einem Tisch sass ein Barbier, vor sich im Wasser sein Kunde. Nach jedem Strich wurde das Rasiermesser im Wasser gespült, wobei der Schaum kurz am Hosenbein des Kunden haften blieb.   

Frühstück bekam ich auf der Dachterrasse, ich schaute von der zerknitterten Uniform des Servierjungen weg, hin zu einem Affen, der eine Bananenschale auf meinem Tisch anpeilte. Ich nahm an einer Stadtführung teil, in Flip-Flops, und besah dieses enge Aneinander aus Leben, Anmut und barem Elend.

Mitgefühl und Heiterkeit

Abends fand meine Lesung auf einer Dachterrasse statt, ich wurde von einem Industriescheinwerfer angeleuchtet und sah nichts mehr. Mein tiefes Mitgefühl mit dem Buchhändler, der kommen wollte – dessen Buchhandlung aber, wie ich hörte, unter Wasser stand. 

«Die Buchhandlung ist unter Wasser», rief es aus dem Dunkeln, «aber ich bin da, mit allen Büchern.» Um uns grosse Heiterkeit.