Der selbstbestimmte Rückzug in die Innerlichkeit

Kultur

Seit elf Jahren lebt Birgitta Martensson mit Alzheimer. Der Kinofilm «Wenn die Erinnerung verblasst» ist ein berührendes Dokument über ihren mutigen Umgang mit der Krankheit. 

Mit dem Mikrofon in der Hand steht Birgitta Martensson im Zürcher Kulturmarkt, schaut in den vollen Saal. Mit einer Spur Trotz in der Stimme sagt sie: «Ich habe Alzheimer, kann man das erzählen?» 

Die Kamera schwenkt ins Publikum, das aufmerksam zuhört, und wieder zurück zu Martensson, die nun über ihr Leben mit Demenz spricht. Später wird sie anfügen: «Ich verstehe nicht, warum man sich schämen sollte, wenn man ein Problem mit dem Gehirn hat.» 

Martensson war 15 Jahre lang Direktorin von Alzheimer Schweiz. Kurz vor ihrer Pension 2015 beobachtete sie bei sich selbst erste Anzeichen der Krankheit. Vor drei Jahren, als sie schon längst Mühe mit Gedächtnis und Orientierung hatte, reiste sie von ihrem Wohnort in der Westschweiz nach Zürich, um Fachleuten und Angehörigen ihre persönliche Botschaft zu überbringen: Es gibt auch ein schönes Leben mit Demenz. Und: Eine frühe Diagnose ist wichtig, um selbst zu entscheiden, wie es weitergehen soll. 

Kirche gab Starthilfe 

Davon erfuhr die Zürcher Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher, die mehrere Filme mit Menschen mit Demenz gemacht hatte. Spontan rief sie Martensson an und fragte, ob sie ihren Auftritt filmen dürfe. Martensson sagte zu. «Mich interessierte, ob jemand, der sich beruflich mit Alzheimer beschäftigte, anders mit der eigenen Erkrankung umgeht», sagt die Filmemacherin beim Gespräch im üppig-wilden Garten ihres Arbeiterhäuschens im Zürcher Kreis fünf. 

Die Idee, Martensson längere Zeit zu begleiten, war geboren. Als erste Geldgeberin beteiligte sich mit dem Beitrag von 15 000 Franken die von der reformierten Kirche getragene Drehscheibe Demenz am Film. «Die unbürokratische Unterstützung hat uns sehr ermutigt», sagt Pletscher, die ihr Projekt mit der Dokumentarfilmerin Martina Rieder realisierte. 

Eine weitere Hürde war genommen, als Pletscher eine nahe Freundin von Martensson kennenlernte und als zweite Protagonistin gewinnen konnte. «Ich wusste in diesem Moment, dass nichts mehr schiefgehen kann», sagt sie.

In Abständen von mehreren Monaten filmen Pletscher und Rieder die alleinstehende 75-Jährige im Alltag: auf Spaziergängen und bei Gesprächen mit der Freundin, bei einem Arztbesuch, auf der Reise nach Schweden zur Schwester, die ebenfalls an Demenz erkrankt ist. Und immer häufiger in der eigenen Wohnung, dem vertrauten Rückzugsort, den sie keinesfalls aufgeben will. 

So lange haben wir gefilmt! Vermutlich lebe ich darum noch.
Birgitta Martensson, bis 2015 Direktorin Alzheimer Schweiz

Von Anfang an betont Martensson, sie sehe sich nicht in einem Pflegeheim. Sie sei kein Gruppenmensch und könne sich nicht vorstellen, abhängig zu sein. Sie hat sich bei Exit angemeldet und will selbstbestimmt aus dem Leben scheiden. «Aber nicht schon morgen», sagt sie und lächelt wie jemand, der gerade einen Streich ausgeheckt hat. 

Verwandlung passiert 

Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben mit, wie sich Martensson im Lauf der fast dreijährigen Drehzeit verändert. Während sie sich aus der geschäftigen Welt zurückzieht, wird ihr die Schönheit der Natur wichtiger. Im Herbstwald schaut sie den fallenden Blättern zu, die sie an ihre eigene letzte Reise erinnern. Ihre Gesichtszüge sind weicher, der Blick geht nach innen. Pletscher ist überzeugt, dass Martensson ihr Optimismus dabei hilft, «gut mit ihrer Krankheit umzugehen»

Behutsam und respektvoll zeigt der Film aber auch, wie schwierig es für Martensson wird, wenn immer mehr Fähigkeiten und Erinnerungen verloren gehen. «Alzheimer ist nicht lustig», sagt sie bei einem der späteren Besuche des Filmteams in ungeduldigem Ton und blickt ärgerlich in die Kamera. Und dann, wieder erstaunlich klar: «Ich glaube, es ist wichtig, dass wir Menschen mit Demenz mitteilen, was wir mit der Krankheit erleben.» 

Im Frühling schauten die beiden Filmemacherinnen gemeinsam mit Martensson den Rohschnitt. Pletscher erzählt, wie sie am Ende des Films sagte: «So lange haben wir gefilmt! Wahrscheinlich lebe ich darum noch.» Veronica Bonilla Gurzeler 

Wenn die Erinnerung verblasst. Regie: Martina Rieder (links) und Marianne Pletscher. Schweiz 2026. 80 Minuten. Vorpremiere in Anwesenheit der Regisseurinnen: 

7. Oktober, Kino Le Paris, Zürich