Ein berührendes Klangmosaik

Musik

Die Citykirche Offener St. Jakob feierte ein Doppeljubiläum. Für die Kirche schrieb Komponist Michael Wertmüller eine Oper, die Opernkompanie Novoflot setzte sie tonstark in Szene.

Kurdische Volkslieder, Jazz, pathetische Orgelklänge und dazwischen das Magnificat von Vivaldi, gesungen von den Zürcher Chören Chansemble und Canta Musica: Dem Publikum der Oper «NO NAME (GOD)» bot sich Mitte Juni in der Citykirche Offener St. Jakob am Stauffacher ein einmaliges Klangerlebnis. 

Zwei Jubiläen feiert die Kirche in diesem Sommer: das 125-jährige des Bestehens und das 30-jährige des dort ansässigen Pilgerzentrums. Sie beschenkte sich darum an drei Abenden mit einer musiktheatralen Pilgerreise, komponiert von Michael Wertmüller und aufgeführt von der Berliner Opernkompanie Novoflot. Die Formation ist prominente Adressen gewöhnt, sie trat jüngst in der Athener Oper auf, spielte aber auch an aussergewöhnlichen Orten wie den Fabrikhallen des Lampenherstellers Osram. Ihre Stücke eint ein experimenteller Stil und einzigartige Inszenierungen. 

Musikalische Teezeremonie
In Zürich nahmen die Musiker ihre Besucher mit auf eine Pilgerreise vom Stauffacher in verschiedene Ecken des Kirchenraums. Das in Gruppen aufgeteilte Publikum erlebte dort intime, berührende Momente, wie eine musikalische Teezeremonie von Tänzerin und Sängerin Ichi Go, sowie überraschende akustische Performances, etwa eine Präsentation von Tonaufnahmen aus Pilgerorten weltweit. 

Ein «Pasticcio», wie der Regisseur Sven Holm im Gespräch mit «reformiert.» erklärt, quasi ein Klangmosaik aus verschiedensten Fragmenten. «Es geht um Brüche und Gegensätze.» Widersprüche, wie es sie in jedem Leben gebe und eben auch auf einer Pilgerreise.

«NO NAME (GOD)» ist für Holm ein spirituelleres Werk als andere, schon weil es für den Kirchenraum geschrieben wurde. «Kirchenarchitektur bietet einen starken Kontrast zum täglichen Einerlei, man verhält sich sofort anders, wenn man in einer Kirche ist», erklärt Sven Holm. Als Ausgangspunkt für die musikalische Entwicklung nahm Wertmüller das Gedicht «The Pilgrimage» von George Herbert (1593–1633). 

Pilgerreise und Migration
Pilgerpfarrerin Franziska Bark Hagen vom Offenen St. Jakob kennt Novoflot aus ihrer Zeit in Berlin, sie war lange im Kulturbereich tätig, bevor sie über den Quereinstieg ins Pfarramt wechselte.  Weil die Oper von Novoflot eigens für die St.-Jakob-Kirche geschrieben wurde, konnte die Kirchgemeinde auch inhaltliche Wünsche äussern. «Uns war es wichtig, dass neben dem Thema Pilgern auch unsere Migrationsarbeit den verdienten Raum erhält», sagt Bark Hagen.

In früheren Produktionen hat Novoflot bereits mit Obdachlosen gearbeitet sowie mit Bläserensembles von Jugendlichen und Kinderchören. In «NO NAME (GOD)» wirkten nun drei Geflüchtete mit, die der Citykirche über Deutschkurse verbunden sind und dem Pasticcio ihre eigene Musik beisteuerten. Weil das Kernteam von Novoflot nur aus vier Personen besteht, verpflichtet es am jeweiligen Aufführungsort lokale Musiker, neben Kirchenkantor Jakob Wolfes, der die anspruchsvollen Orgelkompositionen meisterte, waren in Zürich diverse Profimusiker beteiligt, etwa der Jazzposaunist Nils Wogram. Gesanglich beeindruckte Sopranistin Franziska Gross, die gerade ihr Konzertdiplom an der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte. 

Hoffen auf Gott
Während die Kirchgemeinde das Libretto thematisch mitprägte, blieb die Namensgebung der Opernkompanie vorbehalten. Der Begriff «No Name» stehe für Rollen in einem Theaterstück, bei denen die Besetzung noch unklar sei, sagt Holm.
Der Gedanke zum Titel sei ihm beim Lesen des Jubiläumsbandes der Citykirche St. Jakob gekommen. Der Autor eines Artikels habe die Frage gestellt: «Wo hockt Gott?» «NO NAME (GOD)» verweise daher auf Gott als noch zu definierende Macht, in die wir die Hoffnung setzten, uns aus dem schwierigen Schlamassel der heutigen Zeit herauszuhelfen.