Da ist bei meinen Bühnenauftritten ein Moment, in dem ich Lampenfieber bekomme. Wenn meine Biografie verlesen wird: Studien, Reisen, Preise. Der immer gleiche Vorstellungstext. Dabei kann doch jede Geschichte sehr unterschiedlich nacherzählt werden. Gerade als Schriftstellerin geniere ich mich dieser festgelegten Form meines bisherigen Lebens. Ich fixiere einen Punkt vor meiner Schuhspitze oder schaue ins Publikum oder lächele die Moderatorin an, aber fast jedes Mal spüre ich ein Zucken im Gesicht.
Seufzer der Verlegenheit
Eine Schauspielerinnenfreundin meint, ich würde dabei vergessen zu atmen. Ich müsse mich auf die Atmung konzentrieren, meinen Fokus auf ein langes Ausatmen legen. Neulich tat ich das und seufzte versehentlich ins Mikrofon. Das war nicht sehr höflich, und ich will mich auch nicht über die Vorstellung mithilfe von Wikipedia beschweren. Ich schaue ja selbst darauf, wenn ich auf die Schnelle ein paar Zeilen Werdegang angeben soll.
Vor ein paar Jahren war ich auf rumänischer Lesereise in Botosani, der Geburtsstadt von Mihai Eminescu (1850–1889). Der Dichter gilt als der bedeutendste Vertreter der Romantik im Land, sein berühmtestes Werk ist die Ballade «Der Abendstern» über die unmögliche Liebe des Hyperion, eines kosmischen Geists, und einer wankelmütigen Sterblichen.
Ein leichtes Zucken
Zur Veranstaltung wurde in die Kreisbibliothek Mihai Eminescu geladen, das Publikum erschien in Festaufzug, manch ein Schüler hatte einen Blumenstrauss auf dem Arm. Bei der Vorstellung meiner Person stand die Bibliotheksleiterin auf und breitete die Arme aus und rief abwechselnd zu mir und ins Publikum: «Es ist eine Ehre! Es ist eine ausgesprochene Ehre, die uns heute ereilt.»
Mein Gesicht zuckte bereits, als sie rief: «Wir empfangen heute in unserer Mitte keine andere als die Urururenkelin der Muse unseres Nationaldichters Mihai Eminescu!» Grosser Applaus.
«Sieht sie nicht genauso aus wie ihre Urururgossmutter Veronica Micle, dank der uns unsterbliche Literatur wie ‹Der Abendstern› geschenkt wurde? Sie müsste sich nur die Haare zu einem Dutt hochstecken. Und sie schreibt auch! Auf Deutsch! Genau so wie Mihai Eminescu in seinen wichtigen drei Wiener und den zwei Studienjahren in Berlin.»
