Die Theologieprofessorin Miriam Rose forscht zu Hoffnung und Kreativität. An der Theologischen Fakultät Basel geht sie der Frage nach, wie die Geisteswissenschaften stärker zu einer positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen können. Die Dogmatikerin gehört zu einer Gruppe junger Wissenschaftler, die nach konstruktiven Vorschlägen sucht, statt Kritik zu üben.
In der Fachwelt spricht man vom «Constructive Turn». Im Oktober findet dazu eine Tagung des Karl-Barth-Zentrums statt, an der Ökonomen, Literaturwissenschaftlerinnen, Soziologen, Theologinnen und KI-Fachleute gemeinsam neue Ansätze entwickeln. «Wir wollen nicht mehr nur erklären, was falsch ist», sagt Miriam Rose.
Wann haben Sie zuletzt gehofft?
Miriam Rose: Heute Morgen beim Aufwachen. Ich hoffte, dass der Tag gut wird, dass es den Menschen gut geht, die ich liebe. Dass der Frieden in der Gesellschaft ein wenig wächst. Der Mensch kann gar nicht nicht hoffen.
Das klingt nach Optimismus.
Ist es aber nicht. Optimismus hat etwas Blauäugiges: Es wird schon gut gehen. Wer optimistisch ist, lässt das Negative oft nicht an sich heran. Hoffnung dagegen wurzelt in der Liebe. Wer Menschen, die Natur oder die Gerechtigkeit liebt, nimmt auch deren Schmerz ernst. Hoffnung und Klage gehören zusammen.
Und wenn sich die Hoffnung nicht erfüllt?
Meist erfüllt sie sich anders als gedacht. Das ist schon in der Bibel so. Vor einigen Jahren wollte ich dringend eine neue Stelle und habe mir alles Mögliche ausgemalt. Die Ausschreibung aus Basel habe ich gar nicht auf mich bezogen, andere mussten mich darauf hinweisen. Nun bin ich hier, und es ist besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Christlich hoffen heisst: offen sein dafür, dass es ganz anders kommt.
Gesellschaftlich scheint die Hoffnung abhandengekommen zu sein. Viele haben angesichts der Klimakrise, des Ukrainekriegs oder der wirtschaftlichen Schwierigkeiten resigniert.
Viele haben Hoffnung für ihr eigenes Leben, aber nicht für die Welt. Die jungen Leute, mit denen ich arbeite, sind persönlich zuversichtlich und sagen zugleich, die Welt gehe unter. Wir wissen, dass es nicht ewig aufwärtsgehen kann. Aber wir haben keine Alternative. Wenn es nicht mehr besser wird, können wir uns nur vorstellen, dass alles schlechter wird. Was fehlt, ist eine Vision vom guten Leben trotz Verzicht: mehr Gemeinschaft, mehr Solidarität. Darüber reden wir viel zu wenig, auch in den Kirchen.
