Gesellschaft 29. September 2026, von Marius Schären

«Corona, das war eine intensive Zeit»

Sozialdiakonie

Die Gassenarbeit in Bern ist für viele lebenswichtig. Längst nicht alle Bedürfnisse lassen sich erfüllen. Und doch wünscht sich Gassenarbeiter Ruedi Löffel, arbeitslos zu werden.

Mit 27 stiegen Sie vor 15 Jahren bei der Kirchlichen Gassenarbeit in Bern ein. Wie kam das?

Ruedi Löffel: Ich wurde darauf angesprochen, ob mich die Stelle interessiere. Gelernt hatte ich Baumschulist und zwei Jahre auf dem Job gearbeitet – so wurde ich bei der Gassenarbeit als Quereinsteiger angestellt. Ich hatte zwar jahrelange Erfahrung aus der Pfadi, mich engagiert in der Berner Reitschule, im Restaurant Sous le Pont und auch in der Gassenküche, jedoch keine offizielle Ausbildung im sozialen Bereich.

Der Entscheid des damaligen Vorstands war aber offenbar gut. 

Es stimmte für alle. Durch mein Engagement vor dem Job kannte ich schon viele Leute von der Gasse. Und bei neuen Begegnungen als Gassenarbeiter fragten sie dann oft, ob ich Sozialarbeiter sei – und die Verneinung war eher Türöffner als ein Nachteil. Schliesslich wurde ich gut begleitet und absolvierte Weiterbildungen. Teils fehlendes Wissen kann ich nun mit meiner Vorgeschichte vielleicht durch offenere Ideen etwas wettmachen.

Schon 2013 sagten Sie, Ihre Aufgabe sei es, «bedingungslos für die Ärmsten und Schwächsten» da zu sein. Inwiefern gilt das noch?

Genau gleich wie damals: Das ist das Grundziel, unser A und O. Aber es wird immer schwieriger, dem gerecht zu werden, etwa weil immer mehr äussere Bedingungen einfach erfüllt sein müssen.

Welche zum Beispiel? 

Die Digitalisierung bringt mit sich, dass wir viel mehr Zeit für Formales aufwenden müssen, statt uns direkt um Bedürfnisse kümmern zu können. Früher konnten wir etwa bei einem Gespräch mit einem Hilfe suchenden Menschen meist einfach kurz mit den wichtigen Stellen telefonieren. Heute ist das schwierig. Vielfach ist allein die Kontaktaufnahme via Formular oder Mail möglich – oder man landet erst mal in der Warteschleife am Telefon.

Wir müssen viel mehr Runden drehen, bis konkrete Hilfe möglich ist. Für unsere Klientel ist das eine grosse Hürde. Oft ist es schon nur schwierig, mit den Leuten für die folgende Woche einen Termin zu vereinbaren, um dann weiter auf das Bedürfnis eingehen zu können.

Ein «Ruediläum» wert

Die Kirchliche Gassenarbeit gibt es in Bern seit 1988. Sie ist in der Stadt unterwegs und bietet auch am Standort in der Länggasse Hilfe, vor allem für Menschen ohne festen Wohnsitz. Besonders wichtig ist die Präsenz an Orten, wo andere Institutionen schwer Zugang und Vertrauen finden. Der 42-jährige Ruedi Löffel arbeitet seit 15 Jahren mit. Für die Gassenarbeit ein Grund zu feiern – denn dass jemand in einer solchen Institution so lange dabei ist, kommt nicht häufig vor. 

Informationen: gassenarbeit-bern.ch 

Sie haben als Gassenarbeiter Corona miterlebt. Wie war das für Sie? 

Eine sehr intensive Zeit! Viele Menschen, die sich vorher gerade noch so durchschlagen konnten mit Gelegenheitsjobs, hatten plötzlich gar nichts mehr. Das hat deutlich aufgezeigt, wie viele Leute vorher zwar quasi nebenher mitliefen, aber nicht gesellschaftlich miteinbezogen waren. Eine Folge ist heute noch, dass deutlich mehr Menschen auf der Gasse in ihrer psychischen Gesundheit beeinträchtigt sind. Und eine weitere, dass nicht wenige öffentliche Treffpunkte, die vor Corona etwas Halt gaben, teils bis jetzt nicht wieder existieren. Das verstärkt eindeutig die Einsamkeit, ein grosses Thema heute.

Was hat sich sonst noch verändert? 

Unsere Klientinnen und Klienten verändern sich laufend, sie sind vielschichtiger und diverser geworden. Früher kamen viele zu uns, weil sie einfach einsam waren, auch wenn sie teilweise Wohnung und Job hatten. Die Motivation war jeweils ziemlich klar. Heute sind die Gründe gelegentlich diffus. Die Menschen kommen von weiter her, weil sie von uns gehört haben. Und immer mehr andere Institutionen haben weniger Platz und Zeit. Aber Wartelisten funktionieren bei unserer Klientel schlecht. So spüren wir immer wieder, dass viel mehr Anliegen und Bedürfnisse da wären, als wir mit unseren Möglichkeiten erfüllen können.

Welche Auswirkungen hatte es, dass seit 2022 nicht mehr nur Kirchgemeinden beim Trägerverein der Gassenarbeit Mitglied sein können, sondern auch Privatpersonen und Firmen? 

Für uns Angestellte ergab das vor allem mehr administrative Arbeit. Vorher erhielten wir die finanzielle Unterstützung einfach nach einem Schlüssel: Die Kirchgemeinden, die Mitglieder waren, leisteten einen Beitrag entsprechend ihrer Mitgliederzahl. So lief das relativ automatisch. Den fixen Schlüssel gibt es so nicht mehr, und zusätzlich sind eben Einzelpersonen und Unternehmen mit dabei. Aber der grösste Anteil an Unterstützung kommt immer noch von kirchlicher Seite.

Wir können flexibler und freier arbeiten als andere Institutionen – gerade, weil unsere Trägerschaft kirchlich ist.

Inwiefern spielt denn die Trägerschaft eine Rolle bei Ihrer Arbeit? 

Wenn ich mit Leuten in Kontakt trete, kann es für manche abschreckend sein, wenn sie davon erfahren. Auf der anderen Seite können wir flexibler und freier arbeiten als andere Institutionen – eben gerade, weil unsere Trägerschaft kirchlich ist. Während der Corona-Pandemie etwa kamen die Kirchen von sich aus auf uns zu und sagten, sie hätten noch Geld in einem Topf, ob wir etwas bräuchten.

Auch in Einzelfällen, die etwas aus dem Rahmen fallen, können wir individueller auf Gegebenheiten und Bedürfnisse eingehen. Wir haben keine Leistungsverträge mit irgendwem und können direkt entscheiden, wie wir vorgehen.

Ihre Arbeit dürfte oft belastend sein. Was motiviert Sie, sie auch nach 15 Jahren noch fortzuführen? 

Ich arbeite in erster Linie gern mit Menschen. Und wichtig ist gerade bei der Gassenarbeit: Wir begleiten sie oft so intensiv, dass wir alles in ihrem Leben mitbekommen. Und da gehören immer auch schöne und leichte Momente dazu wie Verliebtsein oder Hochzeiten. Weiter schätze ich unsere spezielle Flexibilität, auch mit Zusatzefforts in festgefahrenen Situationen. Da ist es sehr hilfreich, dass wir uns regelmässig im Team besprechen, den Austausch pflegen und in Supervision mit externen Personen arbeiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft aus Gassenarbeiter-Sicht? 

Tief im Herzen wäre ich eigentlich gerne arbeitslos: Es wäre natürlich das Ideal, wenn wir nichts mehr zu tun hätten. Ich plädiere auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Und realistischer?

Dass mehr Verständnis für die verschiedenen Lebensrealitäten vorhanden wäre. Zudem dauert es zu lange, bis Hilfe greift, wenn jemand ernsthafte Probleme bekommt. Solange ein Mensch mitmacht, ist alles gut. Wenn nicht, kommen zuerst Mahnungen, das wirkt bedrohlich. Niemand fragt nach, woher die Schwierigkeiten kommen, kümmert sich wirklich. Beziehungspflege wird unterschätzt. Auf die Leute einzugehen, ist der erste wichtige Schritt.